Karin Reddemann: Der falsche Tag

Der falsche Tag

© Karin Reddemann

Ihre lustigen Lachfältchen waren zu meinem Vergnügen verschwunden. Ich korrigiere. Wahre Freude empfand ich nur bedingt, als ich sie dort unten liegen sah, skurril verdreht wie eine hässlich gekleidete Gummipuppe in ihrem getupften Kittelkleid, der man die Beine um den Hals hätte knoten können, ohne dass sie aufmuckt. Ich war nicht spontan zufrieden, ich war besorgt um mich. Es wäre durchaus möglich gewesen, dass sie noch lebt, ihre kaputten Knochen ignoriert und mich frech anglotzt, herumkeift und geifert. Das wäre die Hölle gewesen, ich hätte widerwillig das Handtuch benutzen müssen, das ich in meinen Rucksack gestopft hatte. Nur für den Fall. Aber Grete Schnieder brauchte nicht erstickt zu werden, das blieb ihr erspart, gottlob für uns beide, ich bin auf dem Gebiet recht ungeübt, und es hätte mir nicht gut getan, mich noch weiter mit ihrem korrekten Ableben beschäftigen zu müssen.

Margarete Elsbett Schnieder, geborene Beringhoff, kinderlos, mittlerweile verwitwet und aktuell tot, spindeldürr und von Natur aus wenig herzlich. Ich mochte sie nicht, ehrlicher wohl, ich hatte Angst vor ihr, seitdem sie meinen Turnbeutel konfisziert hatte, in dem neben meinen grünen Shorts, den zusammengeklumpten Socken und einer leeren, platt gefalteten Tüte Caprisonne drei, vier Dutzend Kastanien steckten, hastig aufgeklaubt von mir auf dem Nachhauseweg von der Warenweggrundschule. „Du hast auf unserem Grundstück nichts verloren. Das sind unsere Kastanien. Darüber spreche ich mit deiner Mutter.“

Vor dem grauen Mietshaus der Schnieders gleich neben der kleinen Heißmangel, über der wir alle wohnten, bis sie dicht machte und mein Vater die engen Räume zusätzlich für uns Kinder anmietete – das war Luxus, aber wir waren viele, wurden geliebt und brauchten Platz, den wir mit kindlichem Egoismus für selbstverständlich hielten -, befand sich ein akribisch gepflegter Vorgarten mit englisch gestutztem Rasen. Und eben vor diesem, getrennt vom Bürgersteig, direkt an unserer Straße, stand eine von insgesamt vier riesigen alten Kastanien. Die vor Horstmar und Grete Schnieders Haus war für meine Geschwister und mich die am günstigsten gelegene, im Herbst sammelten wir dort säckeweise, um unsere Beute stolz auf kürzestem Weg nach Hause zu tragen. Meine Mutter schien sich stets diebisch über unsere Schätze zu freuen, von denen nur ein Bruchteil zum Basteln diente. Der Rest wanderte in den Kohlenkeller und schrumpelte still vor sich hin, bis mein Vater ihn genauso still entsorgte, um auf den nächsten Herbst und auf neue Kastanien zu warten. Darüber wurde kein vernünftiges Wort verloren, unsere Leidenschaft legte sich eh mit den Jahren wie auch die Freude an Gänse- und Butterblümchen, die wir für unsere Mutter pflückten, die das Gestrüpp tapfer in mit Leitungswasser gefüllte ausgediente Senfgläser steckte, um es liebevoll auf den Fensterbänken zu platzieren wie Baccararosen. Natürlich war das geheuchelt. Sehr viel später habe ich sie mal gefragt, warum sie uns nicht einfach gesagt hatte, sie wolle das ganze unnütze Zeug nicht, aber da lachte sie nur. „Hab‘ du mal selbst Kinder!“ Seitdem ist mir klar, dass mein Vater nicht wirklich geglaubt hat, dass ich auf der Spur eines Nobelpreisträgers bin, weil ich bereits mit viereinhalb ohne Stützräder Fahrrad fahren konnte. Aber er schaffte es damals hervorragend, dass ich mich wie der zukünftige Präsident fühlte, zumindest aber in absehbarer Zeit die Kirschkerne so weit spucken würde wie Friedwart Kesselmann, der auf dem Holzbänkchen in unserem Hinterhof mit meinem Vater Bier aus braunen Flaschen mit Metallverschluss trank und so laut rülpste, dass der Hund vor Schreck den Schwanz einzog.

Der Hund, nicht mein Turnbeutel mit den Kastanien aus Schnieders Vorgarten, war Auslöser für Gretes tragischen Treppensturz mit unweigerlicher Todesfolge. Es war nicht Blacky. Die kleine fette Schwarze mit ihrem unbändigen Lebenshunger war mit siebzehneinhalb gestorben, weil sie den Kaninchen auf dem Friedhof direkt am Hohlweg, der unser Haus von den Gräbern trennte, die vergifteten Köder weggefressen hatte. Sie war unersättlich und ausgesprochen eigenwillig. Befand ich mich auf dem rechten Gehweg, marschierte sie links und kackte unbekümmert auf Schnieders englischen Rasen. Damals gab es diese Plastiktütchen für Hundekot noch nicht, zumindest nicht offiziell, und da mein Großvater ihn als perfekten Dünger bezeichnete, nahm ich die Angelegenheit nur am Rande wahr. Horstmar Schnieder nicht. Damals noch aktiv als Anwalt tätig und bekannt als bissiger Wolf drohte er meinem Opa Peter, allseits beliebt als Franzosen-Pittschke wegen seiner lodengrünen Baskenmütze, mit Folter und mindestens lebenslänglich. Gott, wie wir lachten.

Auf Blacky folgte Timmy, eine anstrengende Mixtur aus Terrier und Schäferhund. Bildschön, aber stur und ausgesprochen frech. Schnieders Wiese war seine Toilette. Ich zankte mit ihm, studierte mittlerweile, war schwer verknallt und hatte prinzipiell andere Interessen als einen am falschen Ort zur falschen Zeit kackenden Köter unflätig zu beschimpfen. Zumal mir die Schnieders gehörig auf den Senkel gingen, seitdem sie mir meinen Beutel geklaut hatten mit den schönen Kastanien. Ein Vergehen, das mir meine Eltern sofort verziehen haben. Damals.

Nach Timmy kam Donald, ein rundum liebenswerter Collie, Geschenk von meinem Vater an mich. Donald lebt noch, Grete nicht. An dem Tag, als mein Mann starb und meine Mutter wieder ins Krankenhaus sollte, an diesem Tag, als ich wusste, dass es erneut Zeit für den Psychiater sein würde, als es regnete und ich nicht mehr erkennen konnte, ob es Tropfen von oben oder aus meinen Augen waren, die mein Gesicht nass werden ließen … an dem Tag, der so schwarz für mich war, der mich aber trotzdem meine Pflicht erfüllen ließ, mit Donald Gassi zu gehen, starb die Schnieder. Sie hatte oben aus dem Fenster gebrüllt, ich solle meinen blöden Köter aus ihrem Garten fernhalten. Ich bin nach Hause gegangen, habe das Handtuch in den Rucksack gesteckt, ging zurück, klingelte. Und dann fiel sie die Treppe hinunter. Ich habe ihr vermutlich zu fest die Hand gedrückt und sie dabei versehentlich die Stufen hinunterkullern lassen. Für sie war es der falsche Tag.

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Hunde, Nachbarn, Streit

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Karin Reddemann: Unwichtig?

Unwichtig?

© Karin Reddemann

Keine große Sache. Trotzdem war sie für mich ein, tja, wie sagt man das über Bücher, Filme? Ich behielt sie als Schlüsselerlebnis. Das trifft den Kern, denke ich.

Ich arbeitete in den Semesterferien als Putzhilfe im Krankenhaus. Den Job hatte mir meine Schwester vermittelt, die, damals noch Medizinstudentin, dort eins von vielen Praktika absolvierte. Sie kannte die Verantwortlichen der zuständigen Reinigungsagentur, und die suchten Aushilfen. Das Geld – wirklich gut bezahlt wurde ich nicht – konnte ich gebrauchen. Mein Job bei der Lokalzeitung brachte nicht genug ein, das Zeilenhonorar hielt sich in Grenzen. Und da ich versprochen hatte, abends und am Sonntag einsatzfähig zu sein, zeigte sich die Redaktion einsichtig und wünschte mir Glück.

Schlaf wünschte sie mir nicht. Mit Anfang zwanzig war ich so müde wie niemals wieder. Ich stand um fünf Uhr auf, begann um sechs, erst Verwaltungsbereich, hastiges Frühstück nach zwei Stunden, Männerstation, wieder zwei Stunden, kurze Pause, Einsatz in der pathologischen Praxis, direkt auf dem Krankenhausgelände. Nachmittags zuhause Pflichtlektüre für die Uni, Notizen, einige ausgewogene Sätze, hastig über Döblin und die Nachkriegsliteratur etwas hingekritzelt, spanische Grammatik angeguckt, mit dem Hund raus, Mama und Papa über mein spannendes Leben informiert, mit meinem damaligen Freund in Kiel telefoniert, ins Auto gesetzt, ab zum Taubenzüchterverein in Suderwich. Einen unwichtigen Artikel geschrieben, nochmals mit dem Hund raus, kein Hunger mehr, nur noch ins Bett. Ich wusste ja: Das Krankenhaus wartet.

Im weißen Putzkittel, das Haar brav geflochten, eigener Schrubberwagen, Namenschildchen, Desinfektionsmittel immer streng im Auge, kam ich mir sogar irgendwie wichtig vor. War auch stolz auf meine Gewissenhaftigkeit, obwohl ich tapfer gegen mein aufdringliches Gähnen ankämpfen musste. Ich zeigte mich fleißig, gab mir Mühe. Ich wollte beweisen, was ich kann. Könnte, wenn ich müsste.

Dann kam dieser Tag: Ich wischte in den Verwaltungsräumen, unten in der Zentrale, und diese Angestellte hockte früher als gewohnt an ihrem Schreibtisch, war gut frisiert, schlecht geschminkt und rauchte. Damals ging das noch, ohne radikal vor die Tür gesetzt zu werden. Sie war vermutlich einige Jahre älter als ich, nicht wesentlich, aber es reichte, um mich kurzfristig einzuschüchtern. Zumal sie sich auf einem Bürostuhl flegelte, hochhackige Schuhe trug und Lippenstiftspuren am Filter ihrer Zigarette hinterließ. Währendessen ich im Kittel und in meinen Gesundheitslatschen die Türklinke polierte.

„Machen Sie mal die Aschenbecher sauber. Aber dalli! Unerhört so was, die sind ja immer noch voll!“

Ich befand mich noch nicht so ganz auf gedanklicher Höhe, es war halt früh, sehr früh am Morgen, aber immerhin brachte ich ein „Moment, bitte, ich besitze keine sechs Arme“ zustande.

Natürlich ärgerte ich mich. Warum hatte ich überhaupt „bitte“ gesagt? Sie hat mir keinen Respekt gezollt, mich wie ihren persönlichen Sklaven behandelt. Sie gehörte zu der Sorte, die ich im Alltag lächelnd ignoriere. Nicht weil ich denke, besser zu sein. Aber anders. Eben anders denkend. Ich sage „Guten Tag“ zu der Frau, die Treppen putzt, und ich entschuldige mich: „Tut mir leid. Darf ich kurz durch? Ich sehe ja, Sie haben grad erst alles sauber gemacht.“ Ich ranze sie nicht unnötig blöd an. Warum auch? Ist sie schlechter als ich, weil sie meinen Dreck eliminiert?

Höflichkeit wurde mir beigebracht, auch wenn sie einem voller Wut auf die Ungehörigkeiten anderer Menschen oft als sinnlos erscheint. Ergo ging ich im Nachhinein, obgleich die Männerstation wartete, wieder in das Verwaltungsbüro, fragte devot, ob die Aschenbecher denn nun zur Zufriedenheit blank geleckt seien und ob Madame noch weitere Wünsche hätte.

Sie sagte zu mir, ohne mir einen Blick zu schenken: „Gehen Sie weiter wischen, dafür werden Sie bezahlt. Noch was? Ich habe zu tun.“

Meine Reaktion darauf war ein zorniges Schweigen. Versteckt zornig. Das ist nicht notwendigerweise nachvollziehbar für ehrliche, revolutionäre Gemüter, aber diese Frau demonstrierte mir, wer, besser, was ich als unbedeutende Person in meinem schäbigen Kittel, statt Parfüm Allzweckreiniger an den Handgelenken, für sie in ihrer kleinen gelackten Welt war. Sie hat sich trotz meiner Unterwürfigkeit über die „unverschämte Putze“ beschwert. Das hatte für mich keine nennenswerten Folgeschäden. Immerhin.

Ich biss kleinlaut die Zähne zusammen. Ich wollte diesen Job nicht aufs Spiel setzen.

Die erste Runde auf der Männerstation absolvierte ich gewissenhaft, dann trafen wir uns alle auf der Besuchertoilette neben den Aufzügen, um eine zu rauchen. Wir alle, das waren die fest angestellten Reinigungskräfte, die nur zwei Stunden pro Tag putzten, um nicht über ihr finanziell vorgeschriebenes Limit zu kommen, und die zwei, drei Studentinnen, die wie ich sechs Stunden schaffen durften.

Wir qualmten dort, ich wusste natürlich, wohlerzogen wie ich war, dass so etwas sich nicht gehörte. Prinzipiell verboten. Aber es bedeutete Solidarität. Magda Schnieder, geschieden, alleinerziehend, sagte: „Die Ärzte grüßen nicht. Die doch nicht. Nie. Die feinen Herren.“ Die dicke Herta Pawulski, frisch verlobt mit einem trockenen Alkoholiker, der gern mal aus Trauer über seinen Verlust zuschlug, lachte. Eine Spur zu laut. Egal, dachte ich, wenn sie es denn so wollte. Empfand mich trotzdem als schuldig. Warum?

Helga war gereizt und hatte ein unschönes blaues Auge. „Was erwartest du denn, Magda? Wer bist du denn für die Kerle in Weiß? Du kannst auf den Knien liegen und dich blutig schrubben, die latschen dir drüber mit ihren Dreckschuhen. Ohne dich zu beachten. Kannst noch mal von vorn anfangen mit dem Saubermachen. Diese arroganten Scheißer interessiert das doch nicht, warum du dich hier krumm machst, um deinen Kindern mal ein Stück prima Rindfleisch kaufen zu können.“

Ich fühlte mich unbehaglich. Auf mich wartete eine vernünftige Zukunft. Dachte ich damals.

Nach der verbotenen Pause wienerte ich weiter auf meiner Männerstation, ließ mir blöde Sprüche gefallen, die wohl charmant herüberkommen sollten, und traf im Raucherzimmer – gab es zu meiner Zeit noch – auf zwei abstruse Zeitgenossen. Goldkettchen, Jogginganzüge aus Plastik, unverkennbar falsche Löckchen und künstliche Bräune. Nicht mein Ding. Aber ich zeigte mich höflich, bat die beiden, sich nach ihren Zigaretten aus dem Raum für eine Viertelstunde zu entfernen, weil ich ihn säubern müsse.

Sie entfernten sich nicht. Sie sagten zu mir: „Wat jezz, Putze, hass hier gar nix zu melden, wer bisse denn, häh?“ Und zündeten sich erneut eine an.

Innerlich tobte was in mir. Äußerlich blieb ich gefasst. Gedanklich heulte ich. Das also waren die Menschen, die mich frei Schnauze und ohne Respekt behandeln durften, weil ich ihren Dreck weg machte.

Ich blieb ruhig. Ging zum Schwesternzimmer, fragte nach dem Stationsarzt. Hörte „Das geht doch nicht, der hat weiß Gott Besseres zu tun“, blieb beharrlich. Trotzig. Ich wollte Gerechtigkeit. Um jeden Preis.

Dann kam er. Dr. Jens Becker. Ein deutlich unausgeschlafener, aber erfreulich immer noch aufnahmefähiger dünner Mann, der mich müde ansah, mir zuhörte und relativ wach in diesen Raucherraum marschierte. Er schmiss die beiden in ihren Jogginganzügen raus. Er sagte: „Sie verschwinden sofort. Und besitzen gefälligst den Anstand, die Arbeit eines Menschen zu achten.“

Die Kerle gingen mit gesenkten Häuptern. Wortlos. Ich hatte auch nicht viel zu sagen. Ich nickte dem Arzt zu und lächelte. Er lächelte zurück. Und ich fühlte mich stark und tatsächlich wichtig. Er vielleicht auch.

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Kurzgeschichten von Karin Reddemann

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Unwichtig, Putzfrau, Ärzte, Krankenhaus, Studentin

Karin Reddemann: Milben in Herz, Hirn und Haar

Milben in Herz, Hirn und Haar

© Karin Reddemann

Ich habe jüngst die Großaufnahme einer Milbe gesehen. Sie war grauenhaft, sie sah aus wie die beste Vision eines überdimensional gigantischen Horrors aus dem All, und ich verdrängte diese Erinnerung, weil ich sie unerträglich finde. Knuffige Hundewelpen schaue ich mir gern an, auch mal ein putziges Krokodilbaby oder ein Pavianjunges, das gierig nach der Mutterbrust tatscht. Aber kein Krabbelviech in der visuellen Größe einer stinknormalen Stubenkatze, die auf ihren acht Beinen auf dich zuwatschelt und sich in deinen Haaren einmietet, um dort für lau futtern und gemütlich hausen zu dürfen, indem sie ihren laut Duden sehr efffektiven Steck- und Saugapparat benutzt, weil sie sehr dreist Unangenehmes mit dir zu tun gedenkt.

Dieses Bild hat mich erschreckt. Ich mochte es nicht, so wenig, wie es mir gefiel, als mein durchaus sympathischer, fröhlicher Zahnarzt mir stolz meine Zähne auf dem marktbheherrschenden Dental-Mammut-Monitor gezeigt hatte, gut und durchaus praktisch, um Patienten mit angeborener Scheu vor nackten Tatsachen ins Nirwana zu verscheuchen. Meine eigenen Zähne sind relativ ordentlich, hier und da kann man immer mal was verschönern, aber dafür genügt ein diskreter strenger Hinweis – besser nicht rauchen, nicht so viel schwarzer Tee, kein Rotwein, keine Schokolade nach dem Putzen – das muss einem nicht so gnadenlos vorgeführt werden. Derart riesig, jeder Zahn so groß wie ein voll entwickelter Hamster, sah das Ganze grundsätzlich schrecklich aus. Ich sagte ihm: „Machen Sie das jetzt mal weg, bevor mir schlecht wird“, und er meinte, immer noch heiter: „Gucken Sie doch mal, da und da, und übrigens ist das eine neue Technik, Ihr eigenes Gebiss in Großaufnahme.“ Wer will das wirklich?

Zähne und Milben als einziges Motiv auf einem Foto sind hässlich. Natürlich weiß ich, dass Zähne eine separate Sache für sich sind, und hätte ich dementsprechend studiert, würde ich überall erst einmal nachgucken, ob ich eventuell dazu bereit sein könnte, meine Zunge in einen fremden Mund zu stecken, um dort bequem und ohne Brechreiz herumzulutschen. Ich weiß freilich auch, dass Milben überall sind. Aber ich denke nicht freiwillig an sie. Ich will nicht wissen, dass winzige Widerlinge es sich auf meinem Kopf gemütlich machen, frech in meinen Haarwurzeln hausieren und ohne Einladung an meinem Talg schlecken. Sie sind wurmförmig mit klitzekleinen Füßchen, und das klingt niedlicher, als es ist, auch wenn diese Haarbalgmilben als völlig harmlose Bewohner des Säugers an sich gelten. Ungeachtet dessen, dass ich mich selbst nur bedingt erfreut als Säugerin definiere – tatsächlich bin ich eine, rein theoretisch auf jeden Fall, praktisch manchmal – stört mich die Vorstellung, dass Bonsai-Zecken sich aus Langeweile einen Schleichweg über mein Haar in mein Gehirn bohren könnten. Unschön ist auch das Wissen, dass diese munteren Milben in den Wimpern eines Mannes hängen, der mich bedröppelt bettelnd anglotzt, um mich nackt sehen zu dürfen und an meiner Haut herumzulecken, auf der heftigst kopuliert wird. Diese Tierchen kennen kein Tabu, sie haben ununterbrochen Sex an den unmöglichsten Körperpartien, vorzugsweise da, wo Haare sind, das vertiefe ich jetzt nicht weiter, ich schlage nur Totalrasur vor, was mich selbst etwas traurig macht, denn zumindest an denen ganz oben bei mir hänge ich. Sie gingen mir mal bis zu den Arschbacken, jetzt sind sie nur noch schulterlang und irgendwie auch dünner, was mich erleichtert, weil die Milben sich nicht mehr ganz so hemmungslos auf mir austoben können. Der Verkehr auf mir dauert pro Milbenpärchen fünf Minuten. Danach wühlt sich das kaum erschöpfte weibliche Luder umgehend in die Haut des Wirtes, also in meine, und legt dort bequem seine Eier ab, damit süße Larven schlüpfen können, die nichts grundsätzlich Boshaftes verursachen, sie sorgen nur für Krätze. Seitdem mir das so konkret bekannt geworden ist, juckt es mich überall. Ich kratze auch momentan, während ich das hier alles für die Nachwelt aufschreibe, wie wild an mir herum und beobachte aus den Augenwinkeln heraus, wie mein Hund sich die Pfoten hinter die Ohren steckt und die Krallen ausfährt wie ein Kater, dem das Fell brennt. Räude, vermute ich, Milben im und auf dem total behaarten Collie, ich werde ihn entsorgen müssen. Das Leben ist als solches nicht so großartig.

Zudem befürchte ich, am bedenklich weit verbreitetem Fleckfieber erkranken zu können – man munkelt, dass auch durchaus reinliche Rechtsanwälte, Supermarkt-Kassierinnen und städtische Angestellte davon befallen sind – eventuell auch am berüchtigten Krim-Kongo-Fieber, was ich hier nicht erläutern möchte, zumal es Zecken sind, die mich damit belästigen würden, wenn sie es denn wünschen. Zecken sind großkotzige Spinner, die sich einbilden, einen verdammt großen Sinn zu haben. In Wirklichkeit besteht ihr Leben aus nichts anderem als gehässigem Warten, Lauern, Zuschnappen. Ein voll besofffenes Weibchen, das sich im ansonsten ungewöhnlich aparten, liebenswerten Gesichtchen meines Hundes eingenistet hat, ist ca. drei Zentimeter groß, sehr fett und rot und bereitet mir Lippenherpes, wenn ich es entferne. Nicht dass dieser Umstand mein herzliches Verhältnis zu meinem Hund trüben würde, aber etwas angeekelt von ihm bin ich nun doch, wenn ich taste, würge und registriere, dass er völlig unbekümmert mit einer gewaltig gruseligen Erscheinung rechts neben seiner Nase gedenkt, mein Gesicht abzulecken. Zusätzlich schleicht sich die Befürchtung ein, in seinem dichten Fell könnten Fantastillarden dieser unnötigen Zeitvergeuderer stecken, die ich im Toilettentopf ertränke und trotzdem ahne, dass sie wiederkommen. Ich habe meinen Collie jetzt vernünftig fast kahl scheren lassen, er sieht aus wie ein chinesischer Nackthund und friert, aber es steht ihm.

Zecken, die großformatig betrachtet jedem Freund des gepflegten Horrors gefallen müssten, sind die größten Milben, die gekannt und geschätzt werden, vorausgesetzt, man ist ein Vogel und verhält sich nicht gar so streng, was die Nahrungsauswahl betrifft.

Ich für meinen Teil esse so etwas nicht. Mögen auch bedenkliche achtzig Prozent der menschlichen Bevölkerung oder so in etwa, mal vorsichtig geschätzt, Insekten als ausgesprochen schmackhaft empfinden, frittiert, gekocht, gern mal roh und noch zuckend, da nahrhaft und vitaminreich (ich denke da mit wenig Appetit an Kakerlaken, aber so lange man nicht wirklich Hunger kennt?), so haben mir auch die gegrillten Heuschrecken nicht wirklich geschmeckt, die ich rein zufällig in Thailand auf einem Pung-Fui-Kung-Tellergericht vorgefunden hatte, das sich mir auf der Speisekarte in erster Linie als Nudeln mit Beilage vorstellte. Nudeln kenne ich, die sind von Natur aus unverfänglich. Es gibt in Afrika Leute, die schmieren sich in Honig getunkte Ameisen auf ihre Stulle und futtern das Zeug, während sie Löwen jagen. Beides sollte man vermeiden, wenn möglich.

Neulich habe ich gelesen, dass es Milbenkäse gibt, und das möchte ich nicht von einem Fachmann erklärt bekommen, das will ich umgehend vergessen. Milben toben sich auch mit ihrer entzückenden Zuneigung zu Orten, wo sie nicht sein sollten, immer wieder wild aus – warum bleiben die nicht alle, wie die Hälfte ihrer Kumpels, irgendwo in der Erde, hängen da dumm rum wie gut zerteilbare Regenwürmer, wo sie keinen stören? Sie hocken in meinem Kopfkissen, in meinem zerliebten Teddy Paul, in Affenlungen und Nasenlöchern von Vögeln. Gut, mit Affen und Vögeln habe ich persönlich nicht viel zu schaffen, aber sie machen sich auch bockig fett in den Tracheenöffnungen von Mistkäfern (kontakte ich freilich selten) und, das ist jetzt mein Verdacht, gewöhnlichen Stubenfliegen.

Die Fliege für sich allein genommen ist lästig, hat aber keinen schlechten Charakter. Natürlich ist sie ziemlich blöd, weil sie darauf besteht, immer wieder konsequent dorthin zurückzukehren, wo man sie nicht haben will. Es nützt nichts, ihr mit der flachen Hand, der Zeitung, der Klatsche Angst zu machen, sie haut kurz ab und kommt fröhlich wieder, als hätte man sich mit ihr vertragen wie mit einem nervtötenden Freund, der immer ungelegen auf der Matte steht und einen frech und doof angrinst: „Störe ich grad?“ Ja.

Nun ist mir aufgrund meiner umfangreichen Studien, mit denen ich wenig Sinnvolles anfangen kann, sehr wohl bekannt, dass Milben nicht nur unschön, sondern auch faul sind und Insekten als kostenlose Transportfahrzeuge benutzen. Seitdem bin ich Fliegen gegenüber sehr misstrauisch, es gilt, nicht nur sie in die Flucht zu schlagen, es sind die Fluggäste, die ich noch weniger leiden kann.

Bei aller Toleranz fremdartigen Sitten und Gebräuchen gegenüber kann ich das Sein der Milbe – es gibt Tausende von Arten, die Familie ist perfekt organisiert, sie wird stärker, ich warne nur leise – nicht für gut befinden, mag man mich verurteilen, ich empfinde keinen Funken Sympathie. Gut, wendet jetzt der belesene Bodybuilder vorsichtig ein, aber immerhin gilt eine ganz besonders gut trainierte tropische Milbenart, gemessen an ihrer niedlichen Körpergröße von nur 0,8 Millimetern, als das stärkste Tier der Welt, kann sie doch das 1.200-fache ihres Gewichts halten, Mensch, das verdient ja wohl Respekt! Ich danke. Man stelle sich vor, die wächst noch. Wer wünscht sich denn, von einer Milbe Huckepack genommen zu werden?

Es genügt, denke ich, dass ich, ohne darum ausdrücklich gebeten zu haben, mit vermutlich 400.000 dieser Ungeheuer und ihren Kotbällchen mein Kopfkissen teile. Ich kann nichts dafür, dort befindet sich eine ausgezeichnete Theke mit reichlichst Hautschüppchen, mein Haar ist immer noch nett anzuschauen und anzufressen, hübsch warm und feucht ist es auch, da, wo ich liege, und kacken muss schließlich auch sein. Was will das Herz mehr? Falls jetzt jemand aufmüpfig meint, jaaa, dann wasche das olle Kissen doch mal öfter, dann lache ich nur böse: Milbenfrei gibt’s nicht. Nie.

Eine Lösung wäre, sich einige Millionen Silberfische in die Wohnung zu holen, die fressen Hausstaubmilben recht gern, aber bei genauer Überlegung und Betrachtung sind die nicht so putzig. Die kann man eh schlecht ins Mehl geben, da wühlen die Viecher ja auch, und alle zusammen ab in den Herd, ich weiß nicht. Besser: Alle Pflanzen, Vorhänge, Teppiche, Polster, Bettzeug in den Müll, Glatze schneiden lassen, Heizung abstellen, Hund töten, weil die Haare wieder länger werden. Das mache ich. Wäre ja noch schöner, denen die Weltherrschaft zu überlassen.

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Diese Geschichte findet sich in dem Buch
Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe
Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe
Dr. Ronald Henss Verlag
Taschenbuch und eBook

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Kurzgeschichten von Karin Reddemann

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Milben, Herz, Hirn, Haar, Gruselgeschichte

Karin Reddemann: Für den Mörder

Für den Mörder

© Karin Reddemann

Karin Reddemann: Gottes kalte GabeHöre ihn weinen. Nachts, wenn ich nicht schlafen kann. Keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Hat seinen Vater mit dem Jagdmesser abgeschlachtet, hat nach Mami gebrüllt, die längst nicht mehr war. Legte ihm ein bekritzeltes Zettelchen auf das nasse, rote Kopfkissen. „Vermisse Dich, Papa.“ Rief die Polizei und lief in den Regen, um sich zu waschen. War wortlos, als sie ihn mitnahmen.

Das liegt Jahre zurück. Ich war Studentin des Hoffnungslosen, nahm mich wichtig und hockte im Gerichtssaal auf der Pressebank. Die Redaktion wartete derweil auf ihr Füllzeug. Eine übel geschminkte Blondine mit aufgepolsterten Titten, die den Porsche ihres gegelten Ex im Kanal versenkt hatte. Ein Karnevalsprinz, der mir die Finger abhacken wollte, sollte ich eine Zeile über ihn schreiben. Hatte besoffen eine Politesse beleidigt, kannte die Verlegerin persönlich. Dann Sebastian. Hing bleich und dürr neben seinem braungebrannten Anwalt, der mit dem Zopf, war mir aus anderen Verfahren vertraut, wirkte tuntig, baggerte mich aber in der Zigarettenpause an. „Muss nach Frankreich. Ladung Heroin im Flügel. Flugzeug aus Welltrupp checken. Taxiunternehmen Toppas, kennt ja jeder. Ganz gerissene Brüder. Brauchst nur eine Zahnbürste, machen wir uns drei Schöne.“ Lehnte den Wochenendtrip ab, freundlich, hatte Döblin als Ausrede. „Hamlet. Oder die lange Nacht nimmt ein Ende.“ Magisterarbeit. Ging dann doch mehr in die Hose, hatte mich verfranst. Zog auf dem Flur im alten Amtsgericht, wo die Große Strafkammer über dem Vatermörder thronte, an meiner Zigarette. Dachte wieder an den blassen Jungen, auf den sie aufpassten, während wir rauchten und über Cocktails plauderten. Hatte zweimal versucht, sich während der Untersuchungshaft umzubringen. Ein Kind, das so was nicht kann. Saß da und sah nicht hoch. Sagte: „Mir egal.“ Klang trotzig und tot. Sagte: „Es ging nicht mehr.“ Blickte für uns Spanner zurück und heulte den Mond an. Schläge mit dem Gürtel, dass der Schulbusfahrer stutzig wurde. Schläge mit der Faust, die Spuren in den Augen hinterlassen. Schläge auf das Rückgrat seines besten Freundes, den Vater mit dem Jagdgewehr erschoss, weil es gebrochen war. Alles gebrochen war. Der Abend, an dem sein Hund starb, war der Abend, der ihn das Messer nehmen ließ. Am Vortag hatten sie noch gemeinsam das Boot gestrichen. „Clärchen“. Liebkosung einer Frau, die nicht mehr war. Er hatte falsch gepinselt, Papa hatte Donny bestraft. Erst ihn getreten, das war in Ordnung, dann die Latte genommen und auf Donny gehämmert. Konnte sich nicht wehren, dachte vielleicht erstaunt an Futter und Felder. Die Knochen spielten nicht mit, mag sein, er war dankbar für den Schuss. Mag auch sein, dass alles anders möglich gewesen wäre. Sebastian entschied sich für die Endgültigkeit. Stach ihn ab und ließ seinen Kopf und sein Herz bluten. „Alles unwichtig.“
Blutet es heute noch? Gute Frage. Weiß nur, dass er hinter Mauern steckt. Weiß nur noch, dass er ein Greis war, als er aufsah, rote Augen, die nur in Märchen vorkommen. Flüsterte. „Ich liebte ihn.“

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Diese Geschichte findet sich in dem Buch
Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe
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Gottes kalte Gabe
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Kurzgeschichten von Karin Reddemann

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Karin Reddemann: Mein Sommer mit Paula

Mein Sommer mit Paula

© Karin Reddemann

Karin Reddemann: Rosen für MaxPaula war laut, groß und besaß enorme Brüste. Ihr gegenüber fühlte ich mich klein und brav erzogen, obwohl ich es tatsächlich faustdick hinter den Ohren hatte. „Du bist ein selbstherrliches Miststück.“ Sagte Paula auf der Rückfahrt von Erfurt ins Ruhrgebiet zu mir, stellte sich bockig, als ich auf die lauschenden Mitreisenden hinwies, und war immer noch vom Wodka zum China-Frühstück gezeichnet. Dicke Wülste unter den ungeschminkten Augen, fette rote Bäckchen. Kein Wunder, dass die keiner so wirklich gewollt hat. Bis auf den Gärtner.

Während unseres ersten und letzten gemeinsamen Urlaubs in der Türkei, Nähe Kemer, eine Baustelle, aber billig, lag sie wie gemalt auf der verwuselten Wiese und strahlte: „Hab’s grad mit dem Typ getrieben.“ Ich war ordentlich verblüfft. „Mit dem Gärtner? Wo?“ Paula zeigte sich sichtlich zufrieden und deutete auf den Geräteschuppen. „Ein Hammer.“ Kaum ausgesprochen, kam er anmarschiert, Rechen in der fast schwarzen Pranke, Oberarme wie Elefantenrüssel. „Paula? Bier? Ficken? Noch mal?“ Sie schüttelte gelangweilt den Kopf, ganz Diva, eben die aus dem ollen Schuppen, sagte: „Ich nicht mehr. Willst du? Der ist gut.“ Ich: „Wie bist du denn drauf?“ Dachte nur, große Güte, wo bin ich hier? Dachte natürlich auch an Ilhan, den Hotelmanager, mit dem ich kurz zuvor im Bett gewesen war. Ein schöner Mann mit einer dicken langen Narbe am linken Oberschenkel, – Motorradunfall, er wäre beinah hopps gegangen (behauptete er und ließ sich heulend lutschen) -, sprach passabel englisch, liebte gut französisch. Damit kenne ich mich aus. Paula mochte ihn nicht. Sie fand prinzipiell alle zur direkten Entsorgung gedacht, die sich für mich und nicht für sie interessierten. „Dummschwätzer, doofe Schönlinge.“ Dabei war ich die Intellektuelle, nicht sie. Im Zug auf der Heimfahrt wurde sie dann so richtig ungemütlich, steckte sich die zweite Zigarette an, – die erste hatte sie am Filter angezündet, das schmeckt nur bedingt -, und schnauzte mich an: „Der Kerl war für mich.“

Ich versuchte es mütterlich: „Ruhig, Paula. Hier darfst du nicht rauchen.“ Sie rauchte trotzdem, hätte ich auch gern gemacht, aber ich dachte an Oma Oben-Rechts. „Kind, halte dich an die Spielregeln.“ Hatte ich gemacht, habe ihr einen Sekt angeboten. So was befindet sich phasenweise in meinem Handgepäck. Sie schluckte und rotzte los. „Duuu. Glaubst, die Schönste, Beste, Klügste zu sein, ich scheiß auf dich.“ Basta. Vermutlich wurde ich lästig rot, verlegen und sauer. Schubste die stämmige Paula aus dem Abteil, – ich kann Mordskräfte entwickeln -, und beruhigte sie mit einem Bier im Speisewagen. Half. Vorerst.

Unsere Bekannten aus dem Türkeiurlaub, nett, mit komischen Nüssen um sich schmeißend und irgendwie verlottert, waren so charmant gewesen, uns zum Sommerfest in „Dunkeldeutschland“ ein zu laden. Wie reizend, dachte ich, kann ich mal wieder Goethe in Weimar gucken gehen, ist grad um die Ecke, den haben die uns ja eh geklaut. Dass ich den Indianer (kein echter, sächselte böse, hatte aber schwarze Haare bis zum Arsch), der liebevoll für Paula gedacht war, für mich habe gewinnen können, hat nicht im Programm gestanden. Er war riesig, erstaunlich gut tätowiert (kein übles Knastgekritzel) und hätte von seiner Statur her prima zu meiner großen, vollbusigen Freundin gepasst. Immerhin hätte er sie stemmen und im Stehen nehmen können, was nicht unbedingt leicht ist für Gnome um die einsfünfundachtzig. Unkas, die Zweimeterrothaut, wollte meine stimmstarke Freundin aber nicht. Er spielte auf seiner Klampfe, die bunten Kettchen an seinem Handgelenk klimperten im Takt, und Paula lachte, dass der Boden vibrierte, schrie „Wat ne Party“ und tanzte barfüssig. Aber mit der Musik und ihrer Koordination haute das nicht so hin. Sie hatte es mal wieder voll versaut. Wurde immer besoffener, dann vorlaut: „Jetzt lass das Gedudel und setz dich mal hierher, zu Mutti.“

Er hockte sich lieber unter die Hängematte, spielte Neill Young und anschließend mit mir. Muss gestehen, ich habe ihn angesehen, mein Blick ist professionell, aber nicht eingeübt. Wirkt immer. Ich habe dann nicht in der Villa Kunterbunt unserer zerzausten Freunde aus Erfurt übernachtet, sondern bei Unkas gleich gegenüber, der sein Schlafzimmer mit Playboy-Bunnies tapeziert hatte. Störte mich nicht. Er war finger- und zungenfertig, und weiter unten harmonierte es genial. Gut, dass er dabei die Klappe hielt. Diesen Dialekt brauche ich nicht.

Am nächsten Morgen bestellten unsere Erfurter Freunde, salopp in zuselige Bademäntel gehüllt, chinesisches Durcheinander, leerten mit Paula die noch halbvollen Pullen auf dem Gartentisch und verursachten mir Magenkrämpfe. Kopfschmerzen hatte ich eh. Außerdem war es Zeit für den Zug. Mein Indianer zeigte sich anhänglich, Paula stänkerte. „Hach ja, hast es mir aber mächtig gegeben, wie?!“ Erklärend muss ich hinzufügen, dass sie tatsächlich mit ihm hätte verkuppelt werden sollen. Das hatten wir bereits bei einer Bootstour in der Türkei im Juni klar gemacht, an die ich mich gut erinnern kann, weil wir alle Raki gekotzt haben. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ganz andere Sorgen: Frisch von meinem blonden, blauäugigen, schleimigen Arschgesicht-Freund getrennt, befand ich mich in der Türkei in einer prekären Situation. Nach einem privaten nächtlichen Ausflug mit dem Chef-Reiseleiter war mein Daumen gebrochen, – glatt durch -, und während ich an der Hotelbar gemeinsam mit ihm meine Wunde leckte und ihn recht zärtlich beschimpfte, weil er die Autotür zugeknallt hatte, ohne meine Hand zu beachten, kam Ilhan. Unsere Knutscherei gefiel ihm nicht, also verwünschte er mich und ging. Paula grinste sich einen und fand das völlig in Ordnung. „Da siehst du mal, wie das ist.“ Von wegen. Paula kommt in solch eine göttliche Misere erst gar nicht. Sie gehört zu den Frauen, die eine Stunde mit einem Kerl an der Theke stehen, um sich dann sagen zu lassen: „Ich hau ab. Du bist mir zu langweilig. Ciao, Alte.“

In diesem letzten Sommer mit Paula schloss ich im Zug Frieden mit ihr. Ich drückte auch ein Auge zu, als sie, zurück in der Heimat, in einer gut Szene-durchtränkten Diskothek lauthals los keifte: „Wo sind die ganzen geilen Kerle, die mich versorgen sollen?“ Leidiges Pech nur, dass mich alle in diesem Moment des kollektiven Schweigens anstarrten und mich, schamesrot, nötigten, eine saublöde Erklärung zu liefern: „Äh, ich war das nicht. Keine Ahnung, wer solch einen Mist brüllt.“ Ich verzeihe ihr auch, dass sie einen guten Freund von mir mit ihrem verzickten Charme, – „Verpiss dich, quatsch mich bloß nicht voll, Sackgesicht!“ -, in die Flucht geschlagen hat. Er ist psychisch bedenklich labil, hat aber eine recht ordentliche Therapeutin, das beruhigt mich. Es ist auch nicht weiter tragisch, dass sie fast meinen Hund Sweety auf dem Gewissen gehabt hat, weil sie über den hässlichen gelben Köter ihrer Nachbarin verlautet hatte: „Lass die beiden Wuffis ruhig spielen, der Nero macht nichts.“

Was ich ihr nicht vergebe: Sie hat sich auf der Geburtstagsfeier meiner Schwester auf dem Clo eingesperrt und dort gepennt. Wir mussten alle in die Blumenbeete. Schade, war kein Gärtner da. „Paula. Bier? Ficken? Noch mal?“ Hätte sie vielleicht aus der Toilette gelockt. Und unsere Freundschaft gerettet. Vermutlich aber doch nicht.

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Karin Reddemann
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Kurzgeschichten von Karin Reddemann

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Sommer, Paula, Türkei, Brüste, Ruhrgebiet, Wodka, Bier

Karin Reddemann: Unten

Unten

© Karin Reddemann

Sie lag unten und starrte ihn an. „Wieso kneifst Du die Augen zu?“ Er schüttelte sich in ihr ab und presste die Lippen zusammen. Seine Wangen zuckten, seine Stirn war nass. Kein Laut. „Warum sagst Du nichts?“ Er rollte sich weg und brachte ihn in die bequeme Lage. Strich mit den Fingern noch einmal vorsichtig über das Dunkelrosa, wischte über die letzten Milchtropfen, die noch hingen. Klagte. „Kein Lappen hier?“ Marlene rollte sich aus dem Bett, zog den Bauch ein und bemühte sich, nackt gut auszusehen. Tatsächlich war sie verstrubbelt und verschmiert. Liebende Männer finden das niedlich. Der da nicht. Glotzte sie komisch an. Auf den wirke ich Scheiße. Dachte sie und schielte nach ihrem Shirt. Lag verknubbelt auf der Kommode. Marlene warf sich in den grünen Snoopy, wurde hektisch, weil ihre Hände die Löcher nicht fanden. Sah affig aus, aber für schwarze Spitze hätte sie in Schubladen herumwühlen müssen. Fühlte sich unschön und betupfte sich im Badezimmer mit Moschus und Pink für den Mund. Gurgelte mit Minze, bürstete das rote Widerspenstige auf ihrem Kopf und hielt das gelbe Handtuch in den Wasserstrahl. Hörte ihn brüllen. „Muss pinkeln.“ Stand urplötzlich hinter ihr und glotzte in den Spiegel. Ihr Gesicht war daneben. Seins sah noch übler aus. Er klatschte ihr mit der flachen Hand auf den Hintern. „Naaaa?!“ Sie steckte den Zeigefinger in sein rechtes Ohr und puhlte. David, wie er eben so hieß, kicherte. Marlene zog ihn wieder raus und krampfte mental, weil er gelb war. Er urinierte im Stehen, sein Arsch war flach und breit und käsig. Bah, dachte sie. Während er tröpfelte, schossen Worte in sein Hirn. „Hast Du Probleme? Da unten?“ Marlene hockte sich auf den Badewannenrand und bemerkte Hüftspeck. Nahm sich vor, jetzt und hier und gleich eine zu rauchen. Bier wäre gut, aber Gott, doch nicht frühmorgens. „Grundsätzlich nicht.“ Sie knabberte an einer Haarsträhne. Wollte den loswerden, der ihr gelbes Handtuch nahm und ihn abrubbelte, bevor er damit unter die Achseln ging. David soff ihr Mundwasser, schluckte das Zeug einfach runter. Furzte und grinste. „Pardon. Was ist los mit Dir?“ Marlene zog die Haare aus den Zähnen. Starrte auf einen zu großen Kopf, der irgendwie in ihrem Schoß gelandet war. Kurz die Zunge gespitzt, gut war. Dann ab und rein. Vorher noch die Bälle gequetscht. Beschwerde. „Trocken hier.“ Marlene starrte weiter. „Ist was?“ David zuppelte an ihrem linken Arm, knuffte sie in die Rippen. Sie kicherte jetzt auch: „Musst Du nicht los in Deine Bank?“ Dachte, große Güte, Schnaps muss her. David knallte seine Pranken auf die Wampe, atmete tief durch. „Mehr Sport, Master of the Universe. Ficken geht auch. Und? Orgasmusdrama oder was bei Dir?“ Marlene glotzte auf den feuchten Dicken, war irritiert. Kurzfristig. Die blauen Augen waren viel zu blau. „Komme leise.“ Sagte sie und wartete, bis die Tür ins Schloss fiel. Legte sich zurück ins Bett, hatte Zeit, wurde laut.

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Kurzgeschichten von Karin Reddemann

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Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Unten

Karin Reddemann: Eva

Eva

© Karin Reddemann

Konnte meinen Blick nicht von ihr losreißen. Wie sie da lag, wunderschön in meinen unerfahrenen Augen, wie sie uns reizte. Wie sie mir ganz allein gefiel. Ich beschloss, sie zu heiraten. Meine Tante Edith war abgehakt, ihre dicken Brüste und ihr Lachen interessierten mich nicht mehr. Alles, was zählte, war Sabine Chrostek.

Ich war zehn und durfte mit. Mit in Christian Brockmanns Scheune, wo die Jungs sich trafen, um es zu treiben. Rauchen und anfassen. Das war das Leben. Mein Bruder Johannes kannte es bereits. Gut älter als ich. Und verdammt erwachsen. Ich hatte Respekt vor den Männern. Waren allesamt so um die vierzehn und rasierten sich. So nüchtern rückblickend war das nichts im Gesicht, was weg gemusst hätte. Aber sie zeigten mir ihre Schnittwunden und fassten sich in den Schritt, um zurechtzubiegen, was seinen Platz suchte, und das war’s doch. Ihre Pickel hätte ich nicht gewollt, aber zu mir kamen die auch. Später. Gehörte dazu, wusste ich noch nicht, wie das Bier, das getrunken und nicht vertragen wird. Geschenkt. Muss man durch.

In Brockmanns Scheune war Sabine Chrostek eine Göttin. Tatsächlich hat sie nach der Mettwurst ihres Vaters gerochen, der Metzger war, und vermutlich hat sie später irgendwann irgendeinen gemütlichen Fleischermeister geheiratet, um den Laden weiter zu führen. Wahrscheinlich ist sie fett geworden und hat drei Kinder gekriegt, die sie noch fetter gemacht haben, war damals schon dicklich, mit dreizehn. Aber ich war zehn und suchte Eva. Und sie war da.

Es war lausig kalt, ich trug den roten Lodenmantel von Oma Ost Mia, und ich hatte die Wollhandschuhe an, die kratzten und zu groß und so herrlich warm waren. Ich durfte hinfassen, dafür wollte sie fünfzig Pfennig. Die Handschuhe zog ich nicht aus, das traute ich mich nicht. Dahin zu packen und irgendwas zu fühlen, zu ertasten, das wäre mir peinlich gewesen. Ich kniff die Augen zusammen und doch nicht so ganz, weil die Jungs „Jetzt mach schon“ gröhlten. Johannes packte mich kräftig im Nacken, er hatte eine Zigarette irgendwo im Mundwinkel kleben, die da nicht hinzugehören schien, aber er war der Stärkste, und ich war stolz, solch einen Bruder zu haben. Wollte ihn nicht enttäuschen, hab meine Hand dort hin geführt, wäre gern umgefallen, ohnmächtig, das rettet manches, aber ich stand dort stocksteif und fummelte. Spulte in meinem Kopf Tante Ediths Lachen ab, schob mich zwischen ihre warmen Brüste, schloss dann doch die Augen, endgültig, wühlte mit meiner Hand, die gottlob in Wolle steckte, ungeschickt an etwas herum, das ich nicht kannte. Und war doch befreit. Endlich. Rauchte meine erste Zigarette, hustete schwer. War geschafft. Johannes grinste. Ich beschloss, meine erste Frau zu heiraten. Sabine Chrostek hatte sich wieder angezogen, ihre weißen weichen Rollen waren verpackt. Sie rauchte auch und lachte und zeigte schlechte Zähne. Ich liebte sie nicht lange. Ich wurde erwachsen.

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Kurzgeschichten von Karin Reddemann

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Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Eva, Scheune, Tante, Brüste, Metzger, Pickel

Karin Reddemann: Angst in Weiß

Angst in Weiß

© Karin Reddemann

Karin Reddemann: SchweigeminutenMeine Phantasien machten meine Mutter nervös. Ich mochte die Farben aus dem Malkasten nicht, mischte wild und düster und zauberte schlammgrüne Fische aufs Papier, die sich in schwarzbraunem Wasser tummelten. Sie war sehr besorgt. Selbst ihr anfänglicher Stolz auf meine Leidenschaft für die hohe Kunst des Reimens, die mich im Alter von acht Jahren gepackt und mich freilich mit all ihrer lästigen Langeweile rasch wieder verlassen hatte, wich ungeliebt von ihr dem leidigen Kummer über mangelnde Fröhlichkeit.
„Sei nicht so düster, das ich nicht gut für dich.“ Sagte sie streng, zog argwöhnend und doch so gottgegeben lächelnd, wie Mütter eben lächeln, die Augenbrauen zusammen, wenn ich ihr wortlos ein weiteres Blatt Papier gereicht hatte, um ihr ein neues Gedicht zu schenken.

Schaurig schön das Blut in seinen Augen
will an Deiner Kehle saugen
will nicht artig essen
will zerfetzen
will Dich kauen
will Dich fressen.

Meine Verse gefielen ihr nur bedingt. Trotzdem verwahrte sie meine kindliche Poesie beinah ranggleich mit dem goldblonden Löckchen und meinem ersten Zahn in einer Zigarrenkiste auf, die unter ihrem Bett stand, gleich neben der meines kleinen Bruders Daniel, der es verstand, meine keifenden Eltern mit seiner unbekümmerten Leichtigkeit auszusöhnen. Er war noch dumm und stellte sich vor, später mal ein Held zu werden, ein Retter der Welt mit speckigem Cowboyhut und Laserpistole.
Ich stellte mir vor, in der Leichenhalle zu liegen und aufzuwachen in einem weißen Nachthemd aus Spitze, ähnlich dem meiner Tante Elsbett, die noch nicht alt und sehr tot fotografiert worden war, was mich fasziniert hatte. Ein Bild, das meine Mutter nicht sonderlich mochte. „Irgendwie schon schön gruselig“, sagte sie gern und oft, wenn sie mich misstrauisch dabei beobachtete, wie ich ihre bleiche Schwester ansah, immer wieder, bis sie „Schluss jetzt, nichts für Kinder!“ sagte und es mir wegnahm, um es zu verstecken. Ich fand es stets, ich roch das Verbotene und wusste, was mir gefallen wollte.
Und mir gefiel der Gedanke, in meinem Sarg ganz unverhofft die Augen zu öffnen, Kerzen am Fußende, Lilien auf dem bestickten Kisschen, das Haar nicht geflochten, die Hände brav auf der unreifen Brust gefaltet, vielleicht ein Kreuz am Hals, das goldene mit dem Rubin, das meiner Mutter gehörte und das sie mir vermutlich im Leben nicht mitgegeben hätte auf meinen Weg nach ganz da unten, wo der Moder duftet. Welch Genuss für mich, mir auszumalen, wie ich das milchige Fensterglas im Totenschauhaus, wie unsere Nachbarin Else Goldmann die jüngst erst im viel zu frischen Orange gestrichene Halle am Heiligbrunner Friedhofeingang nannte, mit einem Holzkreuz zerschlagen würde, um in die Nacht hinausklettern zu können, barfuß, in bodenlangem Kleid, um nach Hause zu laufen, dorthin wo sie weinten und nicht schlafen konnten. Wie ich gegen die Tür hämmern würde, Gewittergrollen in meinem Nacken, nassgeregnet von den dicken Tropfen, die mir der Himmel dem Anlass gebührend gegönnt hätte. Wie ich sie ansehen würde, ihre verheulten Gesichter hinter Händen und Tüchern versteckt, die schwarze Kleidung bereits gereinigt, der Kranz bestellt. Dunkelrote Rosen, die gelbe Schleife mit dem letzten Gruß, die Anzeige im Lokalblatt längst schon bezahlt. „Unser geliebtes Töchterchen …“ Wie ich dort vor ihnen stehen würde, künstlich gepudert, die Knochen noch steif vom Liegen auf dunkelblauem Satin, anklagend, zufrieden, ihnen ihre monotone Ruhe zu nehmen: „Lebendig begraben. Fast, fast. Aber ich bin nicht tot. Lebe, atme, könnte schreien, flüstere nur.“ Und dann, während ich leise sprechen würde, leise, langsam, einprägend genug, um sie erstarren zu lassen, unfähig, auch nur einen Hauch Glück empfinden zu können über die heimgekehrte Tochter, die sie am nächsten Morgen kühler stummer Erde hätten überlassen müssen, können, wollen, vielleicht auch zu meiner Missbilligung wollen, würde ich auf sie zugehen, mit abgespreizten Armen und den geöffneten Händen des Predigers, ein Lächeln von mir, das selbst mich nervös gemacht hätte. „Lasst euch umarmen.“
Meine armen Eltern. Insgeheim empfinde ich eine Art Mitgefühl, möchte sie trösten. Immerhin habe ich mir in meinen selbst inszenierten Träumen nicht die Finger blutig gekratzt, habe mich nicht durch jung aufgeworfenen Torf gewühlt, um zu ihnen zurückzufinden, mit violetten Schatten unter den Augen, die den Wahnsinn herausbrüllen. Ich bin einfach so nach Hause gekommen, unerwartet, aber irgendwann, so denke ich mir, wieder geduldet wie eine Katze, die nicht liebt und trotzdem nicht verschwindet. Eine wunderbare Vorstellung. Dachte ich unbekümmert, ein wenig boshaft und doch so prinzipiell folgenlos. Bis ich Jahre später Gerlinde traf.
Gerlinde Overstolz war eine Heimatlose im weißen Totenhemd, die nicht gehen wollte. Mein Entsetzen bei unserem ersten Zusammentreffen war kaum nennenswert, so fremdartig die junge Frau mit der feinen Spitze am Hals und an den Handgelenken mir auch hätte erscheinen müssen, die ihre nackten Zehen gedankenverloren in die Erde bohrte, während sie auf einem flachen Grabstein hockte und ihre Lippen bewegte, um lautlos zu beten oder zu fluchen. Es war grad so, als würde sich ein Tor für mich öffnen, durch das schlafwandlerisch sicher zu schreiten mir und nur mir allein gestattet war. Auf einem zweiten Grabstein, der unter dem mächtigen Ahorn platziert war, lag eine zusammengerollte Katze, die sie unentwegt anstarrte, als würde nur sie sehen, wer noch dort saß und sich den Schatten, den die dichte Baumkrone schenkte, mit ihr teilte. Es war ein trockener, heißer Sommertag, den ich mir ausgesucht hatte, um Heiligbrunns Tote zu besuchen, und ich war zur ausgewählten Mittagsstunde so gut wie allein unterwegs. Was mir stets ein besonderes Vergnügen bereitete, denn so konnte ich hier und dort verweilen, um unbeobachtet mit ihnen zu plaudern. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich es bereits geschafft, mein Leben recht angepasst und unauffällig zu normalisieren, behielt meine Bilder für mich und war beliebt, weil ich es mir beigebracht hatte, mich lachend und schön gemacht amüsieren zu können. Kaum noch einen Gedanken verschwendete ich auf das hilflose Unverständnis, das meine von unnötiger Sorge geplagte Mutter mir damals entgegengebracht hatte, hörte sie nur noch aus mir fremd gewordener Ferne jammern. „Sei doch glücklicher, Kind, was habe ich denn falsch gemacht?“
Sie schenkte mir weiße Söckchen und rosa Haarspangen, kämmte mein Haar und tanzte mit mir zu einer Musik, die sie nur mir zuliebe mochte. Plauderte von netten Jungs – „Später einmal, Goldie, wollt’s nur schon mal sagen …“ – und brachte mir die Zeitschrift mit, die ich heimlich auf der Toilette las, obwohl es ja offiziell war …

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Kurzgeschichten von Karin Reddemann

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Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Gruselgeschichte, Friedhof, Tote, Angst, Weiß

Karin Reddemann: Wasserperlen

Wasserperlen

© Karin Reddemann

Liebe es, wenn Regen in mein Gesicht klatscht. Denke nicht an Wimperntusche, die unschön verläuft, denke nicht an mein langes Haar, das sich glatt und nass macht, um sich aufmüpfig kindlich zu kringeln, wenn es trocknet. Denke an Großvater Ebsche, atme jeden Tropfen und lecke die besten, die meine Lippen berühren. Mag keinen Schutz, brauche ich nicht. Das erzeugt Unmut. „Wenn wir mit den Hunden rausgehen, bring‘ einen Schirm mit.“ Sagt mein guter Freund Daniel „Danni“ Puwalski, der sich einen niedlichen kleinen Kläffer zugelegt hat. Ich vergesse ihn, lasse mich duschen, ignoriere lächelnd Dannis Nörgelei und das erboste Winseln seines lauten Freundes. Mein stolzer Ritter Ace „Dollar“ of Black Rose, dieser herrliche Snob, der tänzelt wie ein gepudertes Zirkuspferd, schenkt dem lästigen Krabbler nur höfliche Aufmerksamkeit. Dollar will mich für sich allein, teilt mein Leben, meine Arroganz, meine Lust am Regen. Habe einen großartigen Schirm, schwarz mit geschickt verteilten Initialen eines Designers, dem ich selbst keine Beachtung geschenkt hätte. Meine Mutter gab ihn mir, freute sich heimlich über das viele Geld, das sie investiert hatte, erwartete die gleiche Freude von mir. „Verlier‘ ihn aber nicht.“ Er steht links neben meiner Garderobe auf dem zusammengeknüllten Rucksack, der im Urlaub Sinn macht. Er ist immer noch neu und wunderbar, wurde nur einmal von mir aufgespannt, weil ich zu Fuß zu Lessings Minna spazieren musste. Bin aber oft schon tropfend im Theater einmarschiert, fühle mich dann wie im Salzwasser getauft, möchte mich im Foyer schütteln wie eine selbstbewusste Katze. Trage Kleider, die mich nackt machen, die nicht nur ahnen lassen, was sie verhüllen sollten. Meine Brüste versprechen Gutes, die Knospen blühen, wenn sie befeuchtet werden. Meine Lippen sind perfekt gemalt, meine schwarzen Augen sind trotzig, wenn ich mir die nassen Haarsträhnen vor dem großen Spiegel, in dem bewundert wird, in den Nacken ziehe. Strotze vor Freude, wenn ich so bin wie all die anderen nicht, weiß, dass ich durchtränkt ein Bild bin, das erleichtert vieles. Empfinde mich als Streuner, der letzte aus einem großen Wurf, den keiner haben wollte. Ungeliebtes Entchen. Wurde der Schwan, den Großvater Ebsche „Oben“ Pittermann gern in mir gesehen hätte, er wusste wohl, ich werde einer, ein trauriger, in seiner Seele ruhender, der allein schwimmt, stolz und schön. Er starb, bevor ich meinen Kopf zum Himmel recken konnte. Sehe ihn in seinem grünen Lodenmantel, die Füße in verschlammten Gummistiefeln, auf dem Kopf das schwarze Franzosenkäppi. Er pfeift nach Oberon, dem gemütlichen Grauhaarigen, der sich nicht rührt, wenn es nicht ausdrücklich erlaubt wird. Sein Fell sieht aus wie gelackt, das Käppi trägt Wasserperlen, ich selbst bin wie eingetaucht, das rosa Getupfte klebt an mir. Mein Großvater strahlt. „Sommerregen. Trinke ihn, bevor die Würmer Dich fressen.“ Ich zittere und lache mit ihm, drehe mich im Kreis, werde sanft begossen und schmecke das Jetzt. Lechze heute nach zerplatzenden Murmeln, die dunkle Wolken auf mich springen lassen, damit ich sie fangen kann. Halte mein Gesicht ins Wasser, wärme mich, kühle mich. Weine meine eigenen Tropfen. Bin glücklich.

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Kurzgeschichten von Karin Reddemann

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Karin Reddemann: Goethes Liebchen

Goethes Liebchen

© Karin Reddemann

Karin Reddemann: Gottes kalte GabeWäre gern Goethes Liebchen gewesen. Habe dann von seinen üblen Zähnen erfahren, bedauerte und träumte nicht weiter. Küsste ihn heimlich auf die Wange, ließ ihn väterlich meine Stirn befeuchten, duldete aber seine Lippen nicht länger auf meinem Mund. War auch böse mit ihm. Hat sich lächerlich gemacht als Greis, wollte immer noch Frischblut und spuckte sein abgestandenes altes. Habe ihn vergöttert, einstmals, verstand nicht, warum er sich mit Christiane abgab. Liebte den Schwarzäugigen, hing mir Warhol über den Schreibtisch, der ihn bunt und italienisch gemalt hatte. Wusste, dass er gesoffen hat. War trotzdem beeindruckt. Benebelt und brillant, wer kann das schon. Schwärmte weiter von ihm im Verborgen, kniff die Augen zusammen und zeichnete mir sein Bild. Weinte über Werthers Tod und zauberte ihn wieder ins Gras zurück, dort, wo er lag und mikroskopisch seine traurige Lust atmete. Stellte mir vor, mit ihm in seinem Garten zu sitzen, ich breitbeinig auf seinem Schoß, während er diktierte, züchtig im bodenlangen moosgrünen Kleid, die Haare hochgesteckt, wie es sich gehörte, splitternackt unter dem Rock, damit er tasten und seufzen konnte, wenn er es wünschte.

Er war nicht meine erste große Liebe. Der dicke Karsten Rüderling aus der zweiten Grundschulklasse tippte mir beim Kindergottesdienst von hinten auf die Schulter und drückte mir wortlos Fruchtkaramellen in die Hand. Für mich ein s tilles Verlöbnis, das mich zutiefst erschreckte. Grundsätzlich schwärmte ich für Tobias Gartmann, der dünn und lustig war. Wir warfen uns in der Pause gegenseitig die gelbkarierte Wollmütze von Franz-Josef „Franjo“ Pitters zu, die Maria Fricke, fett und stark, ihm vorher weggerissen hatte. Freuten uns gemeinsam, wenn Franjo heulte und uns mit seinem Großvater drohte. „Der kommt und verkloppt Euch.“ Ich war mir sicher, heil davon zu kommen, war ja eine Frau. Die verhaut man nicht. Dachte ich, bis Martin Deverdin mir einen Faustschlag verpasste. Das war in der dritten Klasse. Ich hatte „Hornbrille, Hornbrillchen“ zu ihm gesagt, weiß gar nicht, wieso. Ich war ein stilles Kind mit Propellerschleife im hüftlangen Pferdeschwanz und kauerte stumm in der Ecke, um zu lesen. Zu malen. Düstere, schöne Farben. Braves Mädchen, das so tat, als höre es nicht zu. Bekam aber alles mit. Tobias rächte mich, zog Franjo im Blockflötenunterricht den Stuhl unter seinem Hintern weg. Meine Phantasien starben, als er mir unter den Rock guckte. Ich hatte ein gewaltiges Pflaster unterhalb der linken Pobacke kleben, weil ich über einen Zaun geklettert und hängen geblieben war. Das wollte er unbedingt sehen. Er zog mir das Kleid hoch, während ich die Kreide abwischte, die versammelte 4a war Zeuge. Ich weinte heimlich.

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Gottes kalte Gabe
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Taschenbuch und eBook

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Karin Reddemann: Erdbeermond

Erdbeermond

© Karin Reddemann

Erdbeeren, die im Champagner baden, sind nicht wirklich die besten. Ehrlicher und kräftiger schmeckt die eine, die Du vorsichtig aus der warmen Erde befreist, in der sie schläft. Die, nach der Du Dich bückst, für die Du Deinen Rücken krümmst. Der Du liebenswerten Dreck abwischst, um sie zwischen Deine Lippen zu stecken. Deine Zunge spielt mit ihr, Du lutscht sie, beißt sie sanft, trinkst ihren Saft, schluckst sie fast zärtlich, geradezu lächerlich bekümmert, weil es endgültig ist. Und dann vergisst Du sie doch, weil Dein weißes Kleid, Deine manikürten Hände, das Buch, das Du liest, die Musik, die Du hörst, ihre süße Ursprünglichkeit banal und nichtig machen. Uwe „Dean“ Deitermann war solch ein Mann. Einer, der frisch vom Feld gepflückt werden musste, um ihn so genießen zu können, wie er gedacht war. Vielleicht nicht unbedingt für Dich. Aber das spielt keine Rolle, wenn Du kosten willst, ohne zu hinterfragen, ob die Sehnsucht nicht schmerzhafter sein wird als das Gefühl, etwas versäumt zu haben. Etwas, das Deine sterile Welt zwar nicht so völlig aus den Angeln hebt, sie aber doch für den Moment durcheinander wirbelt wie ein Herbststurm, der Dir die alten, vertrauten Blätter raubt wie dem Baum, der sich den Naturgewalten beugt. Weil es sein muss. Weil Du so nicht weiter machen kannst. Auch, um zu überleben.

Während ich schreibe, um mich zu erinnern, weil der Nebel näher rückt, überlege ich, wie Dean reagieren würde, wüsste er von meinen Worten. Dürfte er wählen, würde er selbst sich mit einer Raubkatze vergleichen, so schön, so wild und frei. Mir aber gefällt es, ihn als Ur-Geschmack im Gedächtnis zu behalten. Wie die gezuckerte Milch in dem bauchigen Steingutbecher, den meine Großmutter für mich auf die Fensterbank neben die Töpfe mit der Petersilie gestellt hatte, immer dann, wenn ich vom Spielen nach Hause gekommen war. Müde, erhitzt und durstig. Glücklich nach dem ersten süßen Schluck, dem weitere folgten, die nichts vermissen ließen. Nie wieder habe ich so etwas Gutes getrunken, werde es trotzdem niemals wagen, es ihr gleich zu tun, den Becher zu füllen und viel zu viel Zucker hinein zu rühren, um mich zurückzuversetzen in eine Zeit, die zu leicht war, um ewig zu währen. Vielleicht wäre ich enttäuscht, würde angewidert das Gesicht verziehen, weil schwarzer Kaffee und trockener Weißwein mich erwachsen werden ließen.

Dean war so anders. Ein Mann, den Thomas, der zu mir gehörte wie ein zerliebter Teddybär, übersehen hätte, ohne seinen Blick von ihm lassen zu können. Mein Bild von Thomas, das sich so viele Jahre festgebissen hatte in meinem Kopf, in meinem Schoß – tatsächlich kannte ich damals nur seine Art, mich dort zu küssen, wo ich es den anderen nicht gestattete -, … es verblasst. Mein erster richtiger Mann. Sah ihn schon neben mir sitzen auf irgendeiner Bank, die mehr hätte erzählen können, als es dieses Stück Papier erlaubt. Leichter Tremor, falsche Zähne. Aber immer noch dieses gefällige Blitzen in den Babyaugen, ewig blau, nicht schwarz, wie meine. Thomas kommt in meinem Leben nicht mehr vor. Manchmal spukt er in Träumen, für die ich mich schelte, schimpfe mit mir, weil ich denke, was würde sein, wenn es anders gekommen wäre. Triviales Geheule. Dean hätte mit ihm nichts anfangen können. Zu organisiert, zu fest zementiert in dieser Bodenständigkeit, die ihn überlegen machte, ohne seinen Charme zu stehlen. Ein Mann, der seine Wimpern wie eine Diva tanzen ließ und dabei kühl sein Übermorgen plante.

Dean plante nicht. Er sagte: „Manchmal will ich mehr von allem. Manchmal will ich fliegen.“ Ließ die roten Früchte auf meinen Brüsten kreisen, zerdrückte sie sanft und bespritzte mich mit dem Saft. Malte einen Erdbeermond auf meinen nackten Bauch, steckte seine Zunge in meinen Nabel und leckte ihn aus. „Ich schmecke Dich in 360.00 Kilometern Höhe.“ Ich lachte, während er mit geöffneten Augen, um mich beobachten zu können, seine klebrigen Lippen auf mich drückte … Augen, die so grün wie junges Gras waren, das satter wird, wenn der Sommer kommt. Für uns gemeinsam kam er nicht, aber ich bin glücklich, dass ich habe riechen dürfen.

Wir haben kein gemeinsames Lied. Es ist schön, zu lauschen und sich zu erinnern, wenn Du dabei träumen und Dich selbst wiegen kannst. Thomas und ich, das war Cohen, dieser Cocktail aus rauer Whisky-Tabak-Stimme und Räucherstäbchen, die Patschuli-Vanille in den Schoß und in die Lenden jagen, zu ungestüm und unbeschwert, um ignorieren zu können. Damals. So long, Marianne, it’s time, to meet again … Ist es, war es Zeit? Nein. Er nannte mich Magdaba, das traf den Rhythmus, wenn er übermütig mitsang, ohne Gespür für den sanften Schmerz, der mich wehmütig machte. Ich heiße Magdalena, nach der Patentante meiner Mutter, die ihren Sekt mit Kandis würzte und alberne Rüschenblusen trug, um traurig zu sein.

Dean. Er war da, um mir zu zeigen, wie hoch die Früchte wirklich hängen, nach denen Du greifen willst, um sie ein einziges Mal schmecken zu dürfen. Ich spielte mit den schwarzen Locken auf seiner Brust, biss wie ein tollpatschiger Welpe in seine Muskeln, bestaunte ihn und badete in seinem Schweiß, ohne an Rosen zu denken. Er roch nach nassem Leder, stieg mir prickelnd in die Nase wie der Moder, der mich lockt und gefangen nimmt, wenn ich auf dem Friedhof mit meinen Unbekannten spreche.

Thomas war mein Mann für zehn Jahre. Die waren und nicht mehr sind, ohne wirklich kostbar gewesen zu sein. Ich habe ihn verlassen. Dean sah ich nie wieder. Egal. Ich trage hochhackige Schuhe, die mich torkeln lassen, ohne betrunken zu sein. Bin bemalt und brillant und weine trocken, wenn ich mir vorstelle, Sterne würden auf mich regnen. Ich warte ab, bin verwöhnt. Dean hat mir Erdbeeren geschenkt. Und einen Mond, der sich auf meinem Bauch eingebrannt hat, um irgendwann von mir entdeckt zu werden. Hinfliegen möchte ich. 360.000 Kilometer, nicht zu weit, denke ich. Noch einmal. Mehr will ich nicht.

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Kurzgeschichten von Karin Reddemann

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Karin Reddemann: Lancelot lügt

Lancelot lügt

© Karin Reddemann

Mein Herz schimmelt. Tapfer sah ich in ihm den Helden, denke jetzt nur noch daran, wie er Türken häutet, um sie kochen zu lassen. Er war mein Ritter, eine einzige blauäugige Lüge. Habe ihm ein Schneidegerät für die Nasenhaare besorgt, habe ihm die Fußnägel gestutzt, während er mich klug und ruhig nach Pangäa entführte. Dort, wo ich nicht hin wollte. Avalun war ihm zu weit. Ich flüsterte ihm Minne ins Ohr, die ihm nicht einfiel, entdeckte klebrige graue Härchen in der Muschel, die den Zugang wohl versperrten. Also saugte ich sie auf wie das Waschwasser eines Aussätzigen, das in der Kehle prickelt wie das süße Aroma eines gepuderten Babys. Weil es immer nur die dumme kleine Liebe ist, die ohne vernünftigen Kotzreiz Schorf und Sperma schlucken lässt. Dafür durfte ich ihn pinkeln sehen, während ich mir die Zähne bleichte und mir die Augenfalten wegschmierte, um schön für ihn zu sein. Schließe die Augen und höre meinen Körper brüllen nach einem stinkenden Schwanz, der in Urin und Schweiß gebadet hat. Stelle mir vor, an ihm zu lutschen wie an einer verfaulten Kartoffel, spucke ihn voll, um die steinharten Kotkrümel weg zu wischen, um mich allein nur zu schmecken. Könnte ihn zerfleischen mit meinem Gebiss, erinnere mich schaudernd, dass es selbst stumpf und gespickt mit den winzigsten lästigen Resten meiner fetten Mahlzeiten in der rülpsenden, furzenden Runde der feinen Schweine ist. Rieche mich selbst, das besungene Weib in langer schwerer Kleiderschleppe, das Korsett geschnürt, aus dem die weißen Brüste quellen. Lausche fasziniert meiner trunkenen Zunge, die in miefenden Mäulern zuckt, lasse mich drehen und kreiseln beim Tanz mit keuchenden, grölenden Männern, die in mir wühlen wollen mit all dem Dreck, der an ihnen klebt. Warte auf den Meinigen. Stelle ihn mir in seiner schweren Rüstung vor. Er trägt keine Unterwäsche, mein Magen erschnuppert ihn, um ihn in meinen Darm zu schießen. Das verbiete ich mir, will ihn nicht ausscheiden, meinen stolzen Ritter, der für mich das Kreuz getragen hat. Lasse meine Lider flackern, die ihn weicher zeichnen, als er ist. Er stapft auf mich zu und bläst mir den Atem seiner Vorväter ins Gesicht. Ein Geruch, der würgen lässt, eine uralte Komposition aus Schweinefleisch, süßem Wein und Erbrochenem. Das Blut, in dem er sich gesuhlt hat wie das Borstenvieh, das er frisst, um wahr zu sein, schlürfe ich aus ihm heraus, nur für diesen Moment, in dem er mit mir verschmilzt und mir gedankenlos erlaubt, die Luft anzuhalten. Hart und stark thront er in mir, steckt zwischen mir und löscht mit jedem Stoß das Feuer unter den Kesseln, in dem die ungläubige Brut kochen musste. Ihre Schreie sind auch meine. Enden wollen sie nicht, auch nicht, als ich ermattet zurück sinke und ihnen befehle, meinen Kopf zu verlassen. Stelle mir den fremden König vor, der die andere Sprache brüllte, steht vor dem Tribunal der Eitlen, die ihn und seinen Gott nicht dulden, die ihn nackt von duldsamen Sklaven ficken lassen, die ihm die Arme und Beine abhacken, die Wunden mit heißem Bienenwachs schließen, damit der Tod nicht zu früh klopft. Ihm die Augen ausbrennen und ihn wie einen weggeworfenen Fleischbrocken liegen lassen, damit die Hunde für eine Weile vergessen dürfen, ihre Rippen zu zählen. Denke, warum nicht ein König, warum nur die kreischende Meute, die kein Amen über die Lippen kriegt, obgleich sie weiß, dass man ihnen ihre Gedärme nach außen stülpt, sie brät und zerpflückt wie alle, die im Weg stehen. Will das nicht wissen und weiß es doch, lasse mich durchstoßen von dem Tor, den ich Ritter nannte. Wache endlich auf in kariertem Flanell, höre keine Laute mehr, betrachte ihn und weiß, dass die Nachtigall stumm bleiben wird.

Nie wieder werde ich Lancelot küssen. Nie wieder ihn so nennen, den Mann, der an meiner Seite war und den ich ritt, ungestüm und wild, wie er hätte reiten müssen. Er fürchtete sich vor Pferden. Er war nicht echt. Ich lechze danach, ihn im Staub liegend beheulen zu dürfen. Er fällt, bricht sich an der Helmkante das kleine unsinnige Genick. Längst zuvor haben sich Lanzensplitter durch seine Rüstung ins Hirn gebohrt, durchwühlten eifrig seine Zellen und schleckten auf, was ihm eh‘ nie wichtig war. Er wäre entsetzt, könnte er mich lesen, wie ich da liege und denke, dass sie mir nicht die Wahrheit gesagt haben, als ich noch unschuldig war und den Mond umarmen wollte.

Lancelot ist tot. Besser so. Der bebrillte Philosoph neben mir, der mich mit welken Rosen verzaubert hat und Wolken vertreiben wollte, die ihn gar nicht kannten, sollte ihm folgen. Es ist alles erlogen. Ich sehe mich träumen und möchte Tränen regnen lassen. Vielleicht würde die Nachtigall sie trinken. Und wieder singen, wie sie irgendwann vor Urzeiten einmal gesungen hat.

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Karin Reddemann: Pelz auf der Haut

Pelz auf der Haut

© Karin Reddemann

Siegfried mag die Geschorenen nicht. Glatt und nackt, da regt sich bei ihm gar nichts. Sagt er und lüftet kopfschüttelnd sein weites Flatterhemd, um einen kummervollen Blick auf die eigene Brust zu werfen. Nur ein paar lieblos verteilte Löckchen. Halten sich aber tapfer. „Echte Kerle haben Pelz.“ Seufzt Siggi und schimpft. „Die Jungs rasieren sich alle. Sieht beschissen aus. Fühlt sich unwichtig an. Nix zum Rumwühlen.“ Kneift sich anklagend in die Hüfte und nörgelt weiter. „So was muss weg. Wegwegweg. Aber doch nicht die Haare.“ Lässt sich krank in den Sessel fallen und schließt erschöpft die Augen. „Neeneenee. Ach nee.“ Öffnet sie einen listigen Spalt breit und grinst Tobias „Tobbi“ Kenkmann an. „Du bist richtig, mein Freund. Zieh doch mal das T-Shirt aus.“ Der zieht die Nase nur kurz aus seinem Buch, tippt sich an die Schläfe und blättert um. „Bittebitte.“ Kein zweiter Blick von Tobbi. Rührt sich nicht, der Hetero-Penner. „Ich tu Dir nix. Bloß gucken.“ – „Nein. Ruhe jetzt.“ Das klingt streng. Endgültig auch. Aber Siggi wäre nicht Siegfried E. Tomczak, der zärtliche Ritter mit Veilchen am Helm, würde er sich geschlagen geben. „Ich geh‘ danach auch aufs Clo. Jetzt mach schon.“ Tobbi klappt, haut, knallt sein Buch zu, wird unnötig laut. „Ich bin nicht Deine Wichsvorlage. Klar?!“ Schweigen. Beleidigtes, langes Schweigen. Siggi sinniert böse.

Es ist einer dieser schlechten Tage. Er könnte zum Bahnhof fahren, vielleicht auch zu Pittas Frittenpalazzo kurz vor der Abfahrt Stöckbergen-Süd, wo sie sich treffen, weil sie es wissen. Das wäre ein feiner Rausschmiss für seinen Kumpel Tobbi, würde ihm recht geschehen, müsste Leine ziehen mit seinem blöden Roman. Dann fällt ihm ein, dass Tobbi zweihundert Kilometer auf dem Buckel hat. Zweihundert in einem stinkenden kleinen Auto, die ihn zu ihm geführt haben. „Komm Dich am Samstag besuchen.“ Jau aber auch, mächtig gefreut. Hängt jetzt spießig hier rum und liest um sein Leben. Gut sieht er aus. Kurze Haare, grau-schwarz getupft, wie bei Großtante Friedelgunds Terrier-Töle. Sprenkel auf der Nase. Arsch in den Jeans. Dschungel auf der Brust. Bedauerlicherweise kein Fall für Siggi. Tobbi hängt nur am eigenen Schwanz. Zuckersüßer Tittenstecher, der. „Soll ich Rauchermösen reinschmeißen?“ Eindeutig ein Entgegenkommen. Siggi lauert, Tobbi lacht heiser, legt den Schmöker auf die Knie, dreht sich eine. „Für mich nicht. Dachte, Du willst’n Weilchen pennen.“ Siggi lässt die Bierdose spritzen, schlürft und schluckt gequält. Mag das Zeug nicht wirklich. Mit Konrad schlabbert er Prosecco und lästert ab. Danach Blow, blow, blowing in the wind. Macht eindeutig mehr Spaß. Tobbi kennt Konrad flüchtig, spielt ausgerechnet jetzt den Quizmaster. „Was macht Rademann?“ Siggi winkt ab und fächert sich mit der freien Linken Luft zu. Ein stickiger, stinkender Sommer, nicht sein Ding, er schwitzt schnell, muss ständig unter den Achseln schnüffeln, ob’s noch geht. „Mal so, mal so.“ Tobbi nickt, leckt am Blättchen, greift nach dem Feuerzeug. „Soso.“ Kippt sein Bier, um nicht reden zu müssen, rülpst. Furzt. Entschuldigt sich nicht. Siggi kichert. „Olle Sau.“ Denkt ans Internat. Der war schon immer so, denkt er, so verflucht viel Mann. Quasselt über Nietzsche und pupst im Rhythmus seiner oberschlauen Sätze. Hat das nie wirklich kapiert, dass Kerle sich irgendwann aufrichtig entscheiden sollten. Tobias Kenkmann, seines Zeichens Schwulenversteher, der trotzdem jeden umnieten würde, der ihm in den Schritt packt. Tobbi, der zu schön ist für die Konsequenz, seinen Hintern niemals in die Meute zu schmeißen. Um stark und fest zu schmecken, was er abartig nennt. „Nur für mich persönlich, hab‘ nix gegen Homos. Soll’n mir nur nicht quer kommen.“ Tobbi hatte Siggis Freundin gekannt, Ariane Sondermann, eine flachbrüstige Bankkauffrau mit Mozartzopf, den sie am Wochenende löste, um auf die Piste zu dackeln. Ariane, das war nach Siggis frühen Jahren auf den Toiletten am Hauptbahnhof, wo Löcher in die Kabinen gebohrt wurden, um zu gucken oder durchzustecken, was exakt passt. Ariane, das war sein Versuch, ein braver Junge zu sein. Für Papi und Oma Gertrud-Nord. Vielleicht auch für sich selbst. Immerhin seine längste Beziehung. Eine gute Zeit, begleitet von heimlichen Exkursionen in die Schattenwelt, in der er in heißem Gummi tauchte, um atmen zu können. Ariane, das war seine Therapie. „Woran denkst Du, wenn Du wichst?“ Er hatte nicht lange überlegt, er war mürbe geworden. Erleichtert, dass sie fragte. Sie trennten sich.

Mittlerweile hat Siggi die vierzig überschritten. Bleibt vorerst noch locker, pirscht und jagt und fängt, frisst und stößt, zerwühlt nasse Laken und hört die Tür zufallen, während er am Kaffee nippt. „Man sieht sich.“ Nichts von Dauer. Er ist trotzig, braucht nichts Festes. Manchmal kommt die Angst. Einige Trotzköpfe sind nicht mehr. Junge Schwule sterben länger. Die Alten haben es schwerer, Blabla, er kennt die Sprüche. Falten am Arsch. Die Backen hängen, alles hängt, das Kinn, der Bauch, das Zipfelchen Lebensqualität in der Hose. Mit Geld ist es einfacher. Wird aber nicht reichen, wenn’s so weitergeht. Egal jetzt. Er grinst Tobbi an, klopft sich mit der Faust aufs Herz, kichert, sagt: „Bummbumm. Schön, dass Du da bist, Kumpel. Geh’n wir noch ins Ché?“ Tobbi drückt die Bierdose zusammen, sieht auf die Uhr, nickt. „Muss erst noch Sabine anrufen.“ Siggi verzieht das Gesicht, mag die Zicke nicht. Arrogante Akademikerdoofe. Schweigt aber, wartet. Sein Kopf flüstert „Bussitussi“. Er lässt ein zweites Bier zischen, versucht zu rülpsen, wie Männer es tun. Klingt nach Bäuerchen. Klappt gar nix. Denkt er müde. Dann. „Holen wir uns vorher noch einen runter? Hab‘ Ouzo auf Lager.“ Tobbi leckt an einem weiteren Blättchen, fixiert ihn kurz, hat große dunkle Augen, verzieht die Mundwinkel. „Wenn Du da hinten bleibst. Wirf‘ die Mösen rein.“ Siggi gluckst kurz, wimmert niedlich. „Und ich, amigo? Zeig‘ mir Deine Wolle. Nur gucken.“ Tobbi gähnt, zeigt dunkle Füllungen in den Backenzähnen, fährt sich mit der Zungenspitze über die vorderen weißen, streift sich gönnerhaft das Shirt über den Kopf. Spannt die Muskeln und schenkt Jung-Siegfried seine Schokolade. Gibt Sahne drauf. Streicht sich über die Brust, durch die eisgrauen Locken, kommt sich albern vor und genießt trotzdem. „Hier, Du Arsch.“

Siggi lässt die Lider schwer werden, spielt mit den Fingern seines Hirns, braucht die weiteren zehn für später. Ist entzückt. Salz auf den Lippen. Pelz auf der Haut. Ein wahrer Freund. Ein guter Tag.

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Karin Reddemann: Babykacke

Babykacke

© Karin Reddemann

Meine gute Freundin Barbara Elisabeth Kloppek hat Babies auf Lager. Dutzende. Sie wühlt im Blut, küsst und klopft sie wach und schenkt sie ihren dummen kleinen Mammis. Dr. Babs E. Kloppek ist Gynäkologin auf Station F3 im Hedwig-Hospital, hasst Olli Dickdoof, den Chefarzt, der eigentlich Manfred Döbering heißt, und äfft Doddel Oberschlau, die Oberärtzin, nach. „Dann wollen wir mal offen in Fotzen glotzen.“ Babs glotzt würgend mit und holt sie raus, nennt sie alle Babykacke und würde sie gern wieder reinstecken. Babs, ein burschikoses Frauenliebchen, das gern überall schleckt, aber nicht an mir, prophezeit den kleinen Scheißern ihre Zukunft. Sagte vorgestern beim Wodka-Tonic mit viel Wodka ohne Zitrone und ohne Eis, weil das nach Betrug schreit: „Habe in der Nacht Chantal-Jaqueline Hofferpott-Schimmelkotter entbunden, hätte fast gekotzt. Wird Nutte.“ Babs sieht in der Beziehung klar. Ein Kind, das so heißt und aus dem Bauch einer kackbraun brabbelnden Mutti mit fettigen Kunstlöckchen und durchgevögeltem Hirn krabbelt, kann kein intellektuelles Morgen haben.

War gestern auf der Suche nach Chantal. Hatte diese hirnlose Sehnsucht, wollte Dumpfbacke in Gucci schlürfen wie eine Auster, in der Du vergeblich nach der Perle pulst. Habe sie gefunden in dieser grell bestrahlten Bar mit Disco-Sound aus den Achtzigern, da war die Lady noch gar nicht gedacht und gemacht. Hatte meinen nachtschwarzen Audi Quattro drei Tage zuvor verloren, exakt mit eingebautem Schiebedach, gegen Leitplanken geprallt nach überflüssigem Hamburger Szene-Trip. Papis gnädige Gabe. Futsch. Hätte jetzt mit Ente oder Fahrrad zur Uni trödeln können, gebatiktes Geknödel um den Hals, bevorzugte es aber, mir die Fingernägel zu polieren.

Da hockte sie. Schantalldschackeline. Ich zog mir den Malz-Whisky durch die Nase, hatte den Strohhalm vergessen, trug Boss am Arsch, der beschissen saß, und ließ meine Ebel die Zeit ansagen. Dachte an Dr. Babs Lesben-Boshaft und leckte den Filter meiner blonden Zigarette. Stellte mir vor, dass die geile Doofe am Tresen genau dieses Baby war. Eine heilige Ewigkeit später. Mit einer Mami, die ihre Hüftrollen kneten lässt und die Monroe fixiert, während sie mit Manni Schlüter um die Wette säuft. Mit einem Papi, der frisst und fickt und zwischendurch mal kurz Manni alle macht, weil der seine Alte will. Mit einem Nirwana als Selbstbewusstsein, das dicke Titten und gebleichtes Straßenköterblond in das hungrige Rudel schmeißt. Ich war ein guter Wolf. Sabberte sie an und verschwendete meinen teuren Speichel in ihrem Mund. Später tiefer. Sie zeigte sich beeindruckt von meinen schwarzen Tussi-Wimpern, die ich so nenne, weil sie so aussehen. Gefärbt. Meterlang. Geschenk von Dolores, meiner bronzenen Mutter, die immer noch „Würzken“ sagt, wenn sie von Würstchen spricht. Ihr andalusisches Erbe machte es mir leicht, Chantalalita „Guapa“ zu nennen. Guapa de la noche. Schöne der Nacht. Das war ein verdammt guter Witz. Sie war so billig, so fett operiert, so hohl. Ich stellte sie mir mit vierzig vor, hätte sie gern an meiner Brust gespürt und mit ihr gemeinsam geheult. Sie war so Nichts. Ich war leicht besoffen und großartig. Sie schielte verklärt auf meine Brieftasche. Krokodil. Matschgrün und angekaut von Portos, der mir ähnlich ist. Ein Snob, der gern im Müll wühlt. Portos of Wild Rose. Ein großer starker Köter mit blauem Blut, der nach Weibern lechzt, die sich in Kuhfladen wälzen. Ohne Interesse daran, worin sie da baden. Schantalldschackeline hieß Kirsten. Kissi. Schlechte Zähne, aber angepinselt. Persilpampe auf faulen Pflöcken. Ich atmete sie ein, während mein Zippo brannte. Limitierte Edition. Sie trug kurz. Rock, Top. Hirn. Meine Jacke gefiel ihr. Hirschhornknöpfe auf violettem Leder. Butterweich. „Riechst gut“, sagte sie. Ich inhalierte und nickte. Spendierte klebrigen Süßen, spielte mit dem geklauten Autoschlüssel. Ein Raubtier, das meinem Vater gehört. Egal. Es brüllte, sie brüllte zurück. Strich die langen Strähnen hinters Ohr, das ein monströser goldener Brocken unnötig in die Länge zog, hockte wie ein Zinnsoldat, der seine Orden trägt, um ungewaschenen Küchenmädchen im Pferdestall den Rock zu zerreißen. Sie reckte ihre Brüste, ließ die Pailletten auf Pink-Seide mit ihren Nippeln um die Wette tanzen und lachte schrill, weil sie teure Beute witterte. Tatsächlich war sie die Maus, die dem fetten Kater aus Langeweile schmeckt. Spielt mit ihr und frisst sie, kackt sie wieder aus und ist immer noch nicht satt. Weil er Kaviar will. Kissi-Chantal war Kicherebsen aus der Dose. Wurde dick, weil sie in meinem Wasser tauchte. Ihre Haut war olivfarben, das reizte, also ließ ich es zu, dass sie meinen Hals saugte mit ihren fettigen roten Lippen. Sie durfte meinen Schwanz berühren, direkt noch nicht, er war verpackt in Edelgarnitur. Ihre Finger schnupperten Kashmir, meine Mutter liebt es, wenn ich kostspielig bin. Vom Studium erzählte ich ihr nichts. Unwichtig. Sie wollte reich gefickt und geheiratet werden. Ich stieß sie auf dem Clo, bohrte mich hinein in ihre Pfütze, trank aus ihren Warzen. Vermied es, sie zu küssen. Warf sie in den Container, nachdem ich meine Milch über ihr ausgeschüttet hatte. Wohin sonst?

Babs Kloppek hat Schantalldschackeline auch weggeschmissen. Mami nahm sie mit. Dorthin, wo es kein Denken gibt. Irgendwo im Nimmerstätter Vorort, wo es gilt, Appetit zu erwecken. Mehr nicht. Klicke mein Hirn aus und bin immer noch hungrig.

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Karin Reddemann: Wahre Liebe

Wahre Liebe

© Karin Reddemann

Hanno strippte. Chris hielt sich das Teddykissen mit „Ohne Dich ist alles doof“, fett drauf gestickt, vor die Nase und nahm sich vor, jetzt und hier und gleich zu ersticken. „Hanno. Bitte.“ Er sprach unsauber, das war Absicht. Hanno zog den türkisfarbenen Slip in der Ritze zurecht, bedauerte, an diesem Abend keinen String zu tragen und keifte los. „Was jetzt? Waswaswas?“ Chris legte das Kissen auf seinen Schoß, nicht, um Steifes zu verbergen, danach war ihm nicht. „Du bist peinlich, Darling.“ Wir glotzten gekonnt betreten drein und nahmen alle drei einen kräftigen Schluck von dem geklauten Roten. Den hatte Hanno vom Nachbarn besorgt, Friedwart Hoffmann, der gern im Gartenstühlchen hockte und lauschte und sich Ruhe erbat. „Schnauze, Schwulenpack, da oben.“ Friedwarts Keller hatte kein vernünftiges Schloss, er war da nachlässig, dachte wohl nicht, dass auch Homos durchaus klauen, wenn sie Durst haben. Für ihn waren das alles Tunten, er machte da keinen Unterschied, obwohl Chris rau sprach und Muckis zeigte. Elegant verpackt. Insgeheim hatte Friedwart Angst vor ihm, war mal erwischt worden, als er beim Grillen mit Kunibert und Luise Illsemann und seiner Eigenen, Wilma-Wuchtbrumme, wie er sie am Tresen nannte, so richtig gut abgelästert hatte. „Heiteitei, Chrissi, Dein Hannolein will Dich. Mach‘ den Arsch blank.“ Chris stand urplötzlich da in Armani, das irritierte, wollte irgendwas mit dem Schornsteinfeger wissen, blitzte ihn an mit seinen sowieso verdächtig schönen Augen. „Sprechen Sie über uns?“ Seitdem war Friedwart vorsichtig. Sperrte trotzdem den Keller nicht zu. Ergo hatten wir Rotwein, der billig schmeckte, aber kickte. Meine beiden Schwestern schüttelten sich, ich schüttelte mit, das Gesöff war eindeutig weniger spannend als der Zickenalarm, der jetzt losging. Kannten wir. Genossen wir mit süßer Gänsehaut, bemüht, nicht auffällig mit den Mundwinkeln zu zucken. Hanno schmollte, schmiss sich türkis beslipt in den Korbstuhl und fuhr sich mit den Fingern durchs Blondhaar. Gut gefärbt. Wie seine Wimpern. Die klappte er nach unten, das sah dramatisch aus, das wollte er auch. Wir nahmen vorsichtig noch ein Schlückchen und spannten. Elende Voyeure, wir. Zwinkerten uns zu und warteten auf Psychosen. Hanno zündete sich eine seiner langen dünnen Zigaretten an, die er in der Firma nicht rauchte. Seine Federboa hatte er achtlos auf den Heizkörper geworfen, sicheres Zeichen dafür, dass er gereizt war. „Hast Du grundsätzlich etwas gegen mich, Christoph?“ Chris erhob sich träge, wie der Löwe, der niemals wirklich schläft, und stopfte das T-Shirt in die Hose. Vorbei mit Gemütlichkeit, die Katze war hellwach und sauer. „Du musst hier nichts beweisen, Hanno. Keine Show mehr, zieht nicht.“ Nichtnichtnicht. Stichwort. Hanno schnippte die Angerauchte in den Kamin, hüpfte hoch, zierlich meckernd, trotzdem wortlos, so gut kann das keine Frau, und drehte den CD-Player auf. Schnappte sich seine Boa und verknotete sich, rubbelte mit dem roten Flatterding zwischen seinen Beinen hin und her und kreiste mit blassen Latino-Hüften. Die Gaynor brüllte was von Überleben. Wir dachten nur, Gott, Friedwart. Chris stand jetzt direkt vor ihm, riss ihm die blöde Boa weg und starrte ihn gefährlich an. Liebend vermutlich auch. „Mach‘ das leise. Und kein Getanze mehr. Zieh‘ Deine Hose an.“ Hanno schubste ihn weg. Es war so ein Ekel-Schubser, so wegwegweg, habe jetzt Migräne, außerdem riechst Du. „Vorsicht, Sir.“ Das war Chris. Hanno schubste noch ein zweites Mal. Er war in Fahrt. „Weißt Du, wo Du in zehn Jahren hockst, Fettkloß? Auf dem Bahnhofsclo.“ Wedelte sich tänzelnd einmal um die eigene Achse und warf den Kopf der Diva in die Runde. Fuhr ihm mit den Federn durchs Gesicht, nach denen Chris schnappte. Verspielte Welpen machen das. Männer mit süßen kleinen Nutten am Hals wohl auch. Genau das sagte er. Sagte einfach nur „Nutte, Du“. Sah uns misstrauisch an, wir grinsten aber nicht, weil wir jeglichen Augenkontakt streng vermieden. Anders wäre das nicht machbar gewesen. Hanno verstrubbelte ihm das Haar, das lenkte ihn von uns ab, und streckte ihm die Zunge raus. „Bäh. Bahnhofsclo. Bahnhofsclo.“ Er drehte eine Pirouette. Zu gewagt mit zuviel Wein im Hirn. Knallte gegen das Bücherregal. Kicherte und rieb sich den Hintern. „Bist ja nur neidisch.“ Chris packte ihn im Nacken und schüttelte ihn kräftig durch. Hanno flog zurück in den Korbstuhl. Maulte. „Lass mich doch tanzen.“ Chris nickte. Seine dunklen Augen liebkosten die besoffene Hure, „Tanz‘, Amigo. Aber fick‘ nicht ständig fremd.“ Er nahm ihn in den Arm, kraulte ihn wie das verrückte Terriermischmaschgemisch von Puwalskis aus dem zweiten Stock , verwuschelte die blonden Locken, strich mit den Fingern über die dezent geschminkten Lippen. Hanno heulte. „Hab‘ doch nur Dich.“ Leckte seinen Daumen und flatterte mit den Wimpern. Wir drei Schwestern gingen grüßend, ohne gesehen zu werden. Seufzten. Wahre Liebe.

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Karin Reddemann: Lady

Lady

© Karin Reddemann

„Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre …“ Ernestine wachte auf, als die ersten Sonnenstrahlen frech ihre Nasenspitze kitzelten, viel zu früh, um den Tag begeistert begrüßen zu können. Egal. Sie trug ihr hellblaues Nachthemd, das mit der dunklen Spitze am tiefen Ausschnitt, der ihr anfangs recht tollkühn vorgekommen war. Zu einladend. Irgendwie frivol. „That’s why the lady is a tramp.“ In einem Nachthemd, zu dem Zigarettenspitze und kaminroter Lippenstift passen. Vielleicht noch ein mundgeblasener Champagnerkelch, in dem die Perlen tanzen und kokett niesen lassen. Gefiel ihr, wenn sie träumen wollte. Sie musste immer kichern, wenn sie hinsah. Altes Luder, Du. Dachte sie und schloss noch einmal kurz, ganz kurz nur die Augen. Der Radiowecker meinte es heute besonders gut mit ihr. Schenkte ihr Marlene. „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre, ich bin doch zu schade für einen allein …“ Sie summte mit, hatte noch nie gern gesungen, wer singt schon gern, wenn der Krieg im Kopf spukt und nicht loslässt. Ihre halbe Brust zeigte sich bescheiden trotzig. Appetitlich immer noch. Könnte der Peter sie jetzt sehen. Der junge Hüpfer. Grad mal siebzig, zwölf Jahre jünger als sie. Sie kicherte wieder und sang doch mit, hörte keiner. „Wenn ich grade jetzt Treue schwöre, dann wird doch ein andrer ganz unglücklich sein.“ Sie stand auf und drohte dem guten alten Radio. Hatte sie wohl vor zwei Jahrhunderten in Gelsenkirchen bei Elektro-Pit gekauft, tat es immer noch. Kampfbereit, der graue Krieger. „Los jetzt. Noch eins. Männer umschwirr’n mich wie Motten das Licht, und wenn sie verbrennen, ja, dafür kann ich nicht.“ Revierlust. Geruch. Grün. Ein freundliches „Wat is jezz, Mädchen? Kumma? Komma her, nich schlimm, nä?!“ Sie vermisste ihn, den Pott. Ehrliche Seelen da, schulterklopfende Gäste damals, als sie mit Gerd-Konrad, ihrem Verstorbenen, das „Heimelig-Stübchen“ im Sauerland geführt hatte. Sie adrett in weißer Schürze, er in seiner Lodenweste. Saubere Zimmer, weiche warme Frühstückseier. Kater Pascha bettelt höflich, zuckt arrogant nicht mal mit einer Wimper, um Danke zu sagen. Gerd-Konrad, der Gute. Früh gegangen. Große Liebe? Wusste sie nicht so recht. Ihrer Freundin Gisela gegenüber hatte sie sich mal verplappert. War zu spät gewesen, um sich auf die verdammte Zunge zu beißen. Ein Schlückchen Hessenwein zu viel, dann ihr Satz: „Die Besten blieben ja an der Front. Wir nahmen doch, was übrig war.“ Gisela hatte gequält genickt und kräftig genippt. Seelenverwandte. Im Seniorenwohnheim „Residenz zu den drei Eichen“ gehörte der hessische Trockene nicht zum alltäglichen Rhythmus. Wurde selbständig besorgt, wurde auch geduldet. Das immer noch ungewohnte Essen war bezahlter Service. Zu viel, zu anders. „Hässe ässe bisse bräsche.“ Peter Kollwitz hatte ihr das beigebracht. Er sagte auch „Aaaschebäscha“ statt Ascher, aber nur, um sie zum Lachen zu bringen. Sie rauchen beide nicht. Nicht wirklich. Mal eine Leichte als Nachspeise, die kitzelt herrlich verboten im Bauch. Peter „Pemann“, wie sie ihn nennt, um ihn zu necken, hat ihr gezeigt, wie das am Computer funktioniert. Sie hat immer schon gern geschrieben, Tagebuch, grad in der schweren Zeit, als Michi, ihr Einziger, nicht von ihr in den Schlaf geküsst werden konnte. Nicht Gerd-Konrads Erbgut. Michis Vater war gefallen. Weggepustet vom tödlichen Wind. Ihre Eltern hatten ihn zum kalten Mann getrimmt, ohne Absicht, mit viel Liebe, die sie selbst in sich trug, aber nicht zeigen konnte. Keine Zeit. Arbeit. Geld musste her. Musstemusste. Dann starb ihr Bruder. Keine fünfzig, zerfressen vom Krebs, von ihr leise betrauert. Wäre noch so viel möglich gewesen. Im Alter setzt man sich zusammen, streichelt Wangen, reist ins Gestern. Gerd-Konrad fiel im Schlaf, Michi heiratete die falsche Braut. Die nicht in Aschenputtels Schuhe gehört. Die ihr die Zärtlichkeit ihrer Enkel verboten hatte. Geschickt manipuliert. Dümmlich und boshaft zwar, aber erfolgreich. Kukuruku, Blut ist im Schuh. Ernestine trug Trauer in den Augen, wenn sie daran dachte. Sie hatte sich gewaschen, ordentlich, trug jetzt ihr getupftes Sommerkleid, das, von dem Peter schwärmte. „Jung und verboten siehst Du aus.“ Peter, dieser Rühr-mich-bloß-nicht-an. Nie verheiratet gewesen. Ernestine legt Pink auf ihre Lippen. Sie ist schön. Ihr Herz pocht immer noch mit der Sonne um die Wette. Sie hat Flimmern im Kopf, wird sich nach dem Frühstück in den Garten setzen, vielleicht mit Gisela plaudern, deren Kummer sich in ihrem Gesicht festgebissen hat. Jünger als sie, alt im Bauch. Keine Schmetterlinge mehr. Die einzige Tochter will nichts von ihr wissen. „Mutter säuft.“ Vertraute diese Made im Speck, der sie kugelrund gemacht hatte, ihr irgendwann am Telefon an. Erschreckend dümmliche Stimme, die unwissentlich nach Widerspruch kreischte. Ernestine wusste von der Langzeittherapie nach Günters Tod, wusste auch, dass Gisela den Sinn nicht sah, ihrem weiteren Leben nicht klar zu begegnen. Ernestine ist stabiler und energischer, sie heult nicht mehr um Michi, der nicht begriffen hat. Nie begreifen wird. Steht wohl irgendwann an ihrem Grab und jammert Rotz. Sie schüttelt sich. Denkt an den frühen Nachmittag, wird eine Geschichte schreiben. Herz-Schmerz, das kann sie, sollen die anderen doch vom Ficken fabulieren. Peter wird da sein, stellt „Rosas Traum“ mit ihr gemeinsam ins Netz. Sie ist schon ordentlich gut am Computer, hat sogar eine Freundin, Katinka, gefunden, jünger als sie, die tauscht sich mit ihr aus und liebt ihre Art. Nicht allein sein. Denkt sie und sieht die Wolken im Meer eintauchen, um der goldenen Kugel da oben Platz zu machen.

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Kurzgeschichten von Karin Reddemann

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Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Lady, Freundin, Nachthemd, Computer, Luder

Karin Reddemann: Helga

Helga

© Karin Reddemann

Edgar Schumann liebte Helga. Sie ihn nicht, weil sie es nicht konnte. Vermutlich. Sie war aus Gummi und bekam gar nicht mit, wenn er ihre Brüste quetschte wie unsensible Tennisbälle, die vorher von einem jungen Hund zerkaut worden waren. Hätte keiner vernünftigen Frau gefallen, aber Helga duldete still. Er biss in ihre Schenkel und andere Orte, wenn er da unten herumturnte, stets in der Hoffnung, sie würde nicht platzen. Edgar nannte Helga Mischimuschi, das war ein Name, den er nie aussprechen würde. Wenn seine Mutter mal käme. Oder Fred Stoiberhoff. Der zog ihn immer auf. „Keine kennen gelernt, Eddi? Mach was aus Dir, Mann.“ Er machte was aus sich, zog sich chic an, gelber Pullunder und rote Lederslipper, rieb sich die Zähne mit einem Küchentuch ab und tanzte mit Helga. Ghost im Geiste. Er sah den nassen Ton in den Händen einer willigen Töpferin und stieß mit seiner Zunge in ihr Hirn. Zwischen ihre Beine, da, wo er es wähnte, ohne nachzudenken. Sah Helga an und lutschte ihren kalten Nacken. Wanderte weiter. Pinkfarbene wulstige Lippen, die nach Eiscreme lechzten. Ein Busen, der genau hinkam, rechts in die eine, links in die andere Hand. „Tittchenspielchen“, dachte er lausig, kam sich dreist vor und genierte sich. Kurz nur, dann war er wieder Adam. Kühn und steif. Lutschte an ihr und war zufrieden. Die Dinger standen immer. Seine Taschentücher, liebevoll von Großmutter Willfried bestickt, waren mittlerweile zu gelbstichig, um noch weiß werden zu können. Er putzte Helga ein letztes Mal, schmiss die Stoffschönheiten in den Müll, schämte sich und betete für Oma Willi, die ihm vermutlich böse mit dem Zeigefinger drohte. Dort irgendwo, wo sie war und nicht mehr wirklich schimpfen konnte. „Nimm die Pfoten aus der Hosentasche, Eddi. Mach nachts keinen Unsinn mit den Fingern, sonst beißt Oma sie Dir ab.“ Edgar war ein braver Junge, er besorgte es sich im Schuppen, wo die Kaninchen hockten und starrten, immer die zuckenden Nasen auf ihn gerichtet. Hohle Spanner, erregten ihn aber. Helga war seine große, gute Bestellung, nachdem Gudrun Hommberg ihm die Lust auf mehr mit ihr genommen hatte. „Eddi, das mit uns wird nichts.“ Dabei hätte sie seine Erste sein dürfen, trotz dicker Brille und Wasser in den Beinen, von ihm begehrt und beleckt, so hatte er es in Magazinen gesehen. Seine blauen Rosen waren für die Katz gewesen, der Preis ärgerte ihn, Blau war eh nicht seine Farbe. Gudrun küsste ihn auf die Stirn, er kam sich vor wie bei Mutti, die mit ihrer Spucke Pudding im Mundwinkel weg wischt. Sein Herz jaulte. Das da in seiner Hose auch. Gudrun war seine einzige reelle Chance gewesen. Er nannte sie Guddi, wie seinen Hamster, dem Gundolf den Kopf abgebissen hatte. Der wurde oben ohne beerdigt in einem Schuhkarton, Eddi hatte einen Strauß Butterblümchen auf das wesentlich fehlende Teil gelegt, das machte die Sache niedlicher. Mit Gundolf redete er kein Wort mehr, aber das war dem verfressenen Kater vermutlich egal. Liebte ihn eh nicht, waren kein Gespann, das gemeinsam schnurrt und jagt. Gudrun trug ein hautfarbenes Miederhöschen, als sie sich nach zuviel rotem klebrigen Likör aus ihrem Hausbackenen herausgeschält hatte, aber ihr Bauch war immer noch gewaltig, im Gegensatz zu ihren Brüsten, die, geziert herausgepellt aus blassrosa Spitze, wie Bonsai-Birnchen hingen. Edgar selbst war auch nicht der Schönste, also schloss er die Augen und dachte: Trotzdem Victoria. War es aber nicht. Und dann dieser Satz, den sie sagte, nachdem sie sich Muttis Kamelhaardecke bis zu den Augenbrauen gezogen hatte: „Eddi, das mit uns wird nichts.“ Gelacht. Helga, die kulleräugige Stumme, hätte sie verhöhnt. Stümperin. Liegt an Dir, trockene Schlampe. Er verwöhnte sie mit gutem Wein, trank selbst zu viel, weil sie ja nicht direkt schluckte, kippte ihr vorsichtig Tröpfchen auf die wunderbaren Knospen, die er abschlürfte, um auch ganz unten noch durstig sein zu können. Seine Fontänen waren einmalig. Er brauchte sich vorher noch nicht einmal die Zähne zu putzen oder sonst was zu wienern, er war gut für sie. Hätte Helga stöhnen können, sie hätte den Mond angeheult. Zumindest seine Nachttischlampe, grün, mit barockem Engel verziert, die strahlte, wenn sie sich fanden und tauchten, um übermütig in letzter Sekunde nach Luft zu schnappen. Schade nur, dass plötzlich Helgas Kopf zerplatzte. Nicht wirklich, aber er schrumpfte deutlich. Sah unschön aus. Edgar hatte sich irgendwann danach eine Zigarette gegönnt, war Nichtraucher, wollte sie kräftig pusten lassen. Sie hatte sich verbrannt. Jetzt war da oben alles hin. Ähnlich wie bei meiner Guddi. Dachte er traurig, dachte an den kaputten Hamster und seine kaputte Liebe und versenkte Helga im Bettkasten. Er kaufte sich umgehend eine Neue. So flüchtig ist die Liebe.

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Kurzgeschichten von Karin Reddemann

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Gummi, Brüste, Busen, Hamster

Karin Reddemann: Klein, wie ich war

Klein, wie ich war

© Karin Reddemann

Ich empfand immer ein stilles Vergnügen, wenn ich an Großmutter Edeltrauds Hand über den kleinen katholischen Friedhof spazierte, ganz in der Nähe unseres Hauses, das mein Großvater Anfang der 60er Jahre dort errichten ließ, wo seine Eltern bereits um die Jahrhundertwende gebaut hatten. Auf diesem Friedhof traf ich Jahre später Katharina Gollfried, die an diesem schwülen Sommerabend meine Hand zwischen ihre Beine wandern ließ, ohne mit der Wimper zu zucken. Ohne zu sprechen. Ohne mich zu kennen.

Meine Großmutter wurde meist von ihrer Freundin Theresa Meyerhoff begleitet, die früh Witwe geworden war und meinen Großvater hasste. Er war ihr wohl zu wenig bourgois, ein Wort, das ich erst sehr viel später zu deuten verstand. Mein Opa Hans, Hannes, wie ihn alle nannten, die ihn mochten, war ein Mann, der sich um all die lästigen Konventionen nicht scherte, die meiner kleinen feinen Großmutter wichtig waren. Theresa Meyerhoff, eine sehr dicke, beringte Frau von beeindruckender Körpergröße, hielt sich für noch sehr viel feiner. Sie trug pinkfarbenen Lippenstift, der an den Mokkatassen eklige Spuren hinterließ, und sie roch streng nach einem sonderlichen Gemisch aus viel Achselschweiß und noch mehr Rosenwasser. Mir wurde ganz schlecht, wenn sie sich zu mir hinunterbeugte, um mir eine ihrer geschälten Birnen zu geben, die sie stets als Wegzehrung mit auf den Friedhof nahm, säuberlich geschichtet in einer kackbraunen Plastikdose, die sie in ihrer riesigen schwarzen Handtasche neben bestickten Taschentüchern deponiert hatte, mit denen ich mir die Nase putzen musste. Die Taschentücher rochen nach Theresa Meyerhoff, und ich lernte, den Atem anzuhalten, während ich schnäuzte. Gar nicht so einfach, aber ich begriff schnell, wie man überleben kann.

Tapfer hielt ich Schritt mit den beiden alten Frauen, die mir so grauenvoll alt erschienen, obwohl sie erst knapp über fünfzig waren, fühlte mich unmännlich in meiner kurzen weißen Baumwollhose und den roten Mädchensandalen, die zuvor meiner Schwester Babette gehört hatten, trottete einher mit hängenden Schultern und schwitzenden Handflächen, wähnte mich nicht am richtigen Ort und wartete doch nur auf Isabella, die steinerne Figur, die auf dem Grab von Herta und Josef Kerkeling stand. Kannte die Leute natürlich nicht, liebte aber die hervorstehenden Brüste der madonnenhaften Skulptur, die ich Isabella genannt hatte nach einer halbnackten Bäuerin mit langen blonden Zöpfen und rosigen Wangen aus einem meiner Kinderbücher. Die brave blonde Bäuerin verfütterte singend gezuckerte Erdbeeren an die neugeborenen Schweine, das weiß ich noch, streckte dabei ihre Brüste vor, die der Illustrator dick und kugelrund gezeichnet hatte, vermutlich mit dem boshaften Vergnügen im Visier, sechsjährige Jungen um ihren unschuldigen Verstand zu bringen. Irgendwie denke ich heute, große Güte, was haben die mir zu lesen gegeben. Mit den Sprechblasen hatte ich damals noch Schwierigkeiten, aber die Bilder der pumperlgesunden Bäuerin in ihrer halb aufgeknöpften gelben Bluse mit den nackten Waden unter dem über den Knien geknoteten Rock beschäftigten meinen Kopf mehr, als ich es für anständig befand. Nachts in meinem Bett stellte ich mir angestrengt vor, mit blankem Hintern in einem Brennesselfeld zu sitzen, damit versuchte ich, mich abzulenken, aber die Unruhe in meiner Pyjamahose blieb. Steigerte sich noch, obgleich die Brennesselstiche juckten. Wohlige Schmerzen, undefiniert von mir, aber zu präsent, um sie ignorieren zu können. Ich rieb an mir, unbeobachtet und doch so verschämt, als würden meine Mutter und Oma Edeltraud einträchtig bei mir auf der Bettkante hocken und mich anstarren. Anklagend. Erschüttert. Unter meiner Decke glühte ich vor Scham, aber die Waden der Bäuerin ließen mich nicht los, und während ihre fleischigen Brüste aus der Bluse hüpften, zweifellos ungewollt, aber so aufreizend wogend in meinen Gedanken, krabbelte ich unter ihren bauschigen Rock und suchte. Noch wusste ich nicht genau, was ich dort erfahren, ertasten, schmecken wollte, aber ich wusste, dort an einem guten Patz zu sein.

Vor der Isabelle auf Kerkelings Grab, meiner zweiten Frau, hatte ich deutlich mehr Respekt. Erst, als ich erwachsen war, traute ich mich, ihre heiligen Brüste zu berühren, ehrfurchtsvoll immer noch, aber zweifellos auf recht profane Art erregt. Ich ließ meine Hände über ihren schlanken kalten Leib wandern, erst forsch, dann langsamer, verhaltener werdend, zitternd fast, obgleich ich allein war und niemand mit mir spielte. Unzählige Frauen sollten mein Leben teilen, einige waren es schon gewesen, die mich getrunken hatten, deren Saft ich geleckt, deren Wimpern ich mit meiner Zunge gestreichelt hatte, Frauen, die mir ihre warmen lebendigen Brüste mit den fleischigen starken roten Knospen entgegengestreckt haben, um sich selbst so intensiv spüren zu können, wie sie es allein nicht vermochten. Um mich zu spüren, mein erhitztes Gesicht zwischen ihnen, ihren nassen Schenkeln, auf ihren Nabeln, in denen sich unsere Schweißtropfen sammelten. Um mich eintauchen zu lassen in ihr heißes Wasser, das mich umspülte, während ich mich galoppieren ließ wie ein junges Pferd auf satter Wiese.

Aber niemals wieder habe ich Vollkommeneres erforschen dürfen als diese Frau auf Kerkelings Grab. Der Künstler hatte saubere Arbeit geleistet, die Warzen naturgetreu nachgebildet, feste dicke Knoten, die anzufassen mir in die Hose ging und sich festbiss. Ich streichelte ihren Schoß unter dem straffen glatten Bauch, perfekt umhüllt von seidigem Stoff, den ich mir einbildete. Ihr Kleid war eine zweite Haut, ich enthüllte sie niemals, selbst in meinen kühnsten Träumen nicht, denn sie bot alles, was möglich war.

Zweifellos pervers. Dieser Mann hatte eine Grabfigur aus Stein gehauen, die vermutlich unfreiwillig lüstern war, die ungeniert und so herrlich kühn verdorben aufzufordern schien, diese phantastischen Titten anzufassen, sie zärtlich mit den Fingerkuppen zu umspielen, sie mit den Lippen zu umschließen, dabei mit den Händen ihre Taille zu umfassen, sie fest zu drücken, den Unterleib an ihren gepresst, stöhnend, zuckend, tanzend fast.

Genug. Sie trug einen Marienschleier, die Lider waren geschlossen, ihre Hände waren gefaltet, ihr Kleid hochgeschlossen und bodenlang, enthüllte aber jede Kontur, die auch ohne Phantasie Lippen feucht werden lässt, Hosen enger macht, kühle Gedanken nicht zulässt. Mag sein, nur ich sehe es so, wie es ist. Mag auch sein, dass mein Großvater nicht ganz unschuldig daran ist. Vermutlich aus purer Lust daran, zu zeigen, was er konnte, nahm er mich mit in sein kleines Atelier unter dem Dach, ließ mich blättern in Magazinen, die meiner Großmutter nicht gefallen hätten, ließ mich zuschauen, wie er blinzelnde Frauen mit Blumen im Haar malte, die ihren nackten Busen für ihn hin hielten. Freilich hielt er mich raus, wenn er sich junge Mädchen holte. Das wusste ich nicht. Meine Mutter hat es mir erzählt, als wir das alte Atelier zum dritten Mal nach Großvaters Tod an den dritten BWL-Studenten vermieteten. Natürlich war es kein Atelier mehr. Es war eine kleine Übergangswohnung, die ich nie wieder betreten habe nach Großvaters Hirntumor, der ihn schnell und schmerzvoll beseitigt hatte. In der winzigen Abstellkammer unter dem Trockenboden waren noch Zeichenmappen und ausgetrocknete Ölfarben in alten Joghurtbechern, steinharte Pinsel und zerbrochene Leisten, aus denen wohl irgendwann mal Bilderrahmen hätten gemacht werden können. Mein Großvater war sehr geschickt darin gewesen. Meine Mutter, die damals heimlich für Opa Hannes Wacholderschnaps kaufte, weil sie wusste, dass meine Großmutter es ihm niemals freiwillig gegönnt hätte, wurde ziemlich sentimental, als wir die Kammer räumten. Dieser dritte Student hatte sie meinen Eltern abgeschwatzt für den unwichtigen Kram, der nicht in die Wohnung passte, und weil er ein paar Mark mehr zu zahlen bereit war, wurde zugestimmt. Jetzt wussten wir nicht so recht, wohin mit Großvaters Liebe. Denn die steckte in jedem befleckten Borstenpinsel, in jedem krummen Nagel, der jämmerlich an eine der Leisten hin. Und auf jedem Blatt Papier, das er mit Skizzen versehen hatte, vorwiegend Brüste, gekritzeltes Schamhaar zwischen gespreizten Beinen, auch mal ein weit geöffneter Mund, gierig darauf, gefüttert zu werden. Ich sah betreten zu Boden, wusste nicht, wohin mit meine Blicken, obgleich ich bereits so viel erfahren hatte, so nüchtern war, so abgebrüht. Und doch jetzt so betroffen. Meine Mutter atmete schwer, fuhr fahrig mit ihren Fingern zwischen die einzelnen Blätter, ließ Zärtlichkeit ahnen, sah mir plötzlich direkt in die Augen, fest, stark. „Manchmal hat er Mädchen hier oben gehabt. Junge Dinger. Hat er Dich jemals dabei gehabt?“ Ich schüttelte den Kopf. „Und Babette?“ Ich wurde unruhig. Was sollte die Frage? „Nein, Babette niemals. Babette hat sich nicht für die Bilder interessiert.“ Sie nickte. Lächelte. Befreit, wie mir schien. „Natürlich. Stimmt. Das warst immer nur Du.“ Ich nickte auch, fühlte mich unbehaglich dabei, ärgerte mich darüber. Ich war Mitte Zwanzig, verflucht, ein Mann, der bereits alles gesehen hatte. Dachte ich. Stand jetzt hier vor meiner Mutter wie ein verklemmter Teenager, wollte nichts mehr hören und wollte es doch. „Was für Mädchen denn?“ Großer Gott, was hatte der alte Bock sich dabei gedacht. Mir wurde lausig kalt. Das war einfach nur grauenhaft. Meine Mutter zögerte, legte die Mappe beiseite, fuhr sich mit den Fingern durch die rotgefärbten kurzen Locken, was sie immer tat, wenn sie grundsätzlich ein Gespräch beenden wollte, überlegte es sich dann wohl anders, grinste mich schief an. „Mädchen ist wohl übertrieben. Junge Frauen waren das, so alt wie Du jetzt vielleicht. Vielleicht etwas jünger. Keine Ahnung, wo er die hergehabt hat. Wollte ich auch nie wissen. War immer nur in Sorge, dass Mutter nichts davon erfährt. Du weißt ja, wie sie war.“ Ich sah sie an, war augenblicklich glücklich. Also hatte er nicht. Grinste auch schief, klemmte mir Großvaters Mappe unter den Arm und zwinkerte meiner wundervollen Mutter ein Auge zu. „Der alte Schlawiner.“ Kurze Pause. Dann, dreister geworden. „Hat er mit denen?“ Sie errötete. Ihre Generation. Lockerer, enthemmter geworden durch ihre Kinder, trotzdem streng darauf bedacht, nicht schmutzig zu werden. „Also weißt Du.“ Wieder die Finger im Haar. Die linke Augenbraue hochgezogen. Missbilligend, wie ich es kannte und hinnahm, weil es zu ihr gehörte wie diese ganz besondere Eigenart, die Nasenflügel beben zu lassen. Habe mich immer gefragt, wie sie das macht, wer ihr das beigebracht hat. Ließ sie beben und wartete. „Kann ich mir wirklich nicht vorstellen. Bei allem Respekt.“ Das hat mich umgehauen. Sie sagte Respekt. Beeindruckende Antwort. Ich ließ es so stehen, wusste nichts Gescheites darauf zu erwidern. Sah meinen Großvater vor mir, wie er stolz und wichtig an seiner Staffelei steht und die beiden Freundinnen Eva Wessels und Magda Thomann bittet, ihre Blusen auszuziehen, die Büstenhalter aufzuhaken und ihre Brustwarzen zu befeuchten, sich auf die hohen Holzstühle zu setzen, die Beine zu spreizen und den Slip zur Seite zu ziehen. Um sie auf seine anrührend dilettantische und für mich doch so einmalige Art zeichnen zu können. Ich sah ihn vor mir mit seinem Kohlestift an der Staffelei vor dem weißen Leinenpapier, viel zu teuer für bloße Skizzen, und doch war es das alles wert. Ich sah ihn wichtig und erregt, und ich denke, das allein hat ihm genügt. Ich war noch so klein, und ich habe ihn geliebt. Ich will so denken, und mehr ist nicht hinzuzufügen.
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Kurzgeschichten von Karin Reddemann

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Großvater, Großmutter, Mutter, Schenkel, Brüste, Statue, Friedhof, Rosenwasser, Lipenstift

Karin Reddemann: Dolfi

Dolfi

© Karin Reddemann

Die Hand war zärtlich. Und herrlich versaut. Jessica Stobermann, die schöne grüne Augen und eine hässliche Kartoffelnase hatte, kicherte vergnügt. Hielt sich dabei aber dezent die zerknüllte Papierserviette vor den Mund. Sollte ja nun keiner denken, sie sei bekloppt. Eine von diesen frustrierten Einsamen mit nächtelang angelesener Philosophenkacke und rot gerahmter Nickelbrille, die ihre Katze Muschi nennen und mit sich selbst sprechen und spielen. Jessica stopfte sich das letzte Stück Pfirsichcremetorte mit Apfelschnaps in den Mund und musste husten. Galt als Spezialität in Gottliebs Gutenmorgenkränzchen am alten Markt, schmeckte aber scheußlich. Sie hockte allein dort an diesem niedrigen Tischchen neben dem toten Fikus und wusste nicht, wohin mit ihren Beinen. Die waren zu lang. Dafür war ihr Oberkörper zu klein. Eine kleine dicke Kugel mit fünf fetten Atomen: Linke Brust, rechte Arschbacke, dicker Bauch, rechte Brust, linke Arschbacke. Eine boshafte Laune der Natur. Wären die Stelzen nicht, könnte der dämliche Kellner mit mir kegeln. Dachte Jessica böse und verfluchte dreimal schwarzer Sonntag den gelackten Idioten mit dieser unappetitlichen Zahnlücke, die er selbst wohl mächtig sexy fand, weil er sie permanent angrinste. Sein Grinsen bedeutete nicht: Ich würd’s Dir besorgen. Lass mich ran. Es bedeutete: Hättest Du wohl gern, dass ich es Dir besorge. Ich will Dich aber nicht.

„Ich will noch einen Martini“, sagte Jessica mit hochrotem Kopf, weil diese Unverschämtheit, auch nur ansatzweise anzunehmen, sie leide Not und habe ernsthafte Ambitionen, ihren klugen Kopf mit Zorn vereiterte. „Wie wünschen“, näselte der Kellner und bewegte sich rückwärts, um sie weiter angrinsen zu können. Genaugenommen war das kein ordentlicher Satz, aber sie sie wollte jetzt nicht streng analysieren, immerhin hatte sie auch „ich will“ und nicht „ich hätte gern noch“ gesagt, da waren sie jetzt wohl quitt. „Und Dich narzisstisches Pappgesicht will ich auf gar keinen Fall.“ Hätte sie ihm mit Leidenschaft hinterher gerufen, wäre ihr das nicht eindeutig zu blöd gewesen. Außerdem brauchte sie ihn und seinesgleichen tatsächlich nicht. Sie hatte die Hand. Jessica ließ ihre moosgrüne Lacktasche aufschnappen, die so phantastisch zu ihren Augen passte, obwohl das Quatsch war, denn sie trug das überteuerte Ding ja nicht am Ohr, wo es visuell deutlich besser harmoniert hätte. Sie lugte vorsichtig hinein. Aufatmen. Da lag sie. Natürlich lag sie da. Zwischen Brillenetui und Papiertaschentüchern hatte sie sich gemütlich eingeigelt. Das Messer gut versteckt. Süße schlaue Schlampe, Du.

Gut einen Monat war es her, dass Jessica Stobermann unter ihrem Bett verdächtige Geräusche gehört hatte, die dort klar nicht hin gehörten. Unter Betten und in Schränken ist es prinzipiell ruhig. Es sei denn, dort scharren Insekten oder Dämonen mit ihren Füßen. In diesem speziellen Fall war es eine Hand. Jessica, Hintern jung, Gesicht alt, weil sie offiziell viel wusste und heimlich trotzdem oder eben drum erstaunlich viel soff, ohne aufzufallen, war nicht sonderlich schockiert. Die korrigierten Arbeiten lagen gestapelt auf der pinkfarbenen Schreibtischunterlage neben der pinkfarbenen Mouse, den pinkfarbenen Babydoll hatte sie wieder ausgezogen, um unter der Bettedecke etwas nett zu sich zu sein. Das klappte nicht. Sie dachte an den nächsten Morgen und wusste nicht, was sie zur Sitzung anziehen sollte. Das neue Khakikostüm lag über der Stuhllehne, das würde sie wohl nehmen, dazu die pink gepunktete Bluse, auch neu. Alles neu, alles scheußlich. Die Farb- und Stilberaterin mit diesem unaussprechlichen Namen hatte ihr feines und fettes Rosa ans Herz gelegt, das kombinierte sie mit grellem und vermatschtem Grün, aber irgendwie fühlte sie sich nicht optimal beraten von Ischamjah Brzcswenszkowsja. Sie war blond, aber nicht göttlich blond, und ihre Haut sah aus wie frischer Emmentaler. Schwarz und rot mochte sie, aber die Brzcswenszkowsja hatte ihr das verboten. „Grosssse Gütte, nichnichnich, sieht sich schäbich an Ihn aus.“

In dieser Nacht war ihr übel vom Tokajer und von Tschechows Möwe. Zwanzig doofe Studenten, zwanzig Mal gequirltes Gekrakel über einen lausigen Vogel. Und das sollte sie gut finden. Sie ermahnte sich streng. Jessi, allerliebste Jessi, das ist Dein verdammter Job. Mach ihn. Nimm den Rotstift. Vernichte die Brut. Hatte sie mit angemessener Milde getan. Allesamt Sensibelchen. Sollten ruhig fliegen lernen. Würden früh genug aufs Pflaster klatschen. War jetzt fertig, lag dort nackt, konnte nicht schlafen, dachte an einen letzten süßen Schluck und hörte die Geräusche. „Hört sich schäbich unter Ihn an.“ Flüsterte sie leise vor sich hin, fühlte sich erheitert, war aber misstrauisch. Dieses Getrippel und Gewusel gehörte einwandfrei zu etwas höchst Lebendigem, das ihr Leben prinzipiell nicht mit ihr teilte. Sie krabbelte aus dem Bett, stieg auf die Knie, äugte, erstarrte, schrie vermutlich, was eh keiner hörte, krabbelte verstört wieder hinein und sage laut: „Kann nicht sein, darf nicht sein. Basta. Eeene meene muh, aus bist Du. Aus bist Du noch lange nicht, sag‘ mir erst wie alt Du bist.“ Fünf. Die Hand zeigte fünf kräftige Finger. Unberingt. Hübsch gefeilte Nägel. Dunkle Haare auf dem Rücken. Dezent gebräunt. Eine großartige Hand, der nur der dazugehörige Mann fehlte. Sie hockte auf der karierten Tagesdecke, musste wohl in einem Affenzahn heraufgekommen sein, zuckte mit dem Zeigefinger, verharrte höflich, wartete augenscheinlich auf eine Einladung. Die bekam sie. Jessica Stobermann war zu betrunken, um wahnsinnig zu werden. Und wurde für ihr Saufen aufs Höchste beglückt.

So einfach war das. Am nächsten Morgen wachte Jessica mit dickem Kopf auf und pelziger Zunge auf, verspürte augenblicklich schlechte Laune, weil sie arbeiten musste und nicht einfach weiter trinken konnte, und blinzelte die Hand an, die eingerollt auf dem zweiten Kopfkissen träumte. Irgendjemand hatte Jessica Klebstoff in die Augen geschmiert, sie konnte sie kaum öffnen. Dann fiel ihr ein, dass sie sich nicht abgeschminkt hatte. Wimperntusche zentnerweise, irgendwann würden sie abbrechen, alle, alle nicht mehr da, dann wäre es Zeit, sich umzubringen. Frauen ohne Wimpern sind tot. Dachte sie sachlich, wurde noch sachlicher: „Du bist gar nicht da. Wegwegweg.“ Die Hand rührte sich. Spreizte die Finger, knickte sie ein, spreizte sie erneut, als würde sie gähnen, sich recken und strecken, ein rührendes Bild, niedlich gar, wie sie sich jetzt in Bewegung setzte, sie liebevoll in die knollige Nase kniff, ihr über die vom Schlaf zerknitterten Wangen streichelte, weiter nach unten wanderte, die linke, die rechte Warze auf ihre besondere Art begrüßte, ihren dicken Bauch streichelte, die Pölsterchen massierte, emsig noch tiefer marschierte, in die Locken tauchte, dann tunkte, tanzte. So tanzen konnte Jessica selbst nicht. Jamaica, dachte sie. Jessica stöhnte. Ich muss mich rasieren, dachte sie, hab‘ ich schon Ewigkeiten nicht mehr gemacht. Muss ich. Mussmussmuss. Danach. Dann schlief sie wieder ein. Kam zu spät zur Sitzung, war besonders lieb zu ihren entzückend bescheuerten Studenten und freute sich über das, was war und sein sollte, obgleich es nicht hätte sein dürfen. Egal.

Jessica Stobermann nannte die Hand Rudolfo, Dolfi, streng genommen, das kam ihr flüssiger über die Lippen, und sie arrangierte sich ganz wunderbar mit ihr. Dolfi war gelenkig, erfahren und machte sie beide nass. Herrliche Zeiten waren das. Er schenkte ihr sogar Kaffe ein, gern auch Wodka, gab ihr Feuer, schlüpfte in ihren BH und ließ ihre Warzen nicht einnicken, während sie las oder aß oder sich einen Film ansah, von dem sie kaum die Hälfte mit bekam. Ihre Brüste sendeten weiter, und die Hand empfing ihre Nachrichten, ohne nachzuhaken. Sie gewöhnte es sich an, zuhause keinen Slip mehr zu tragen, das vereinfachte ihre liebenswerten Angewohnheiten. Dolfi knipste die Nachttischlampe aus. Und knipste sie wieder an. Dolfi gab. Dolfi brauchte nichts. Kein Klo. Kein Wort. Keine Rechtfertigung. Keine Erklärungen. Keine Nebenbuhler. Letztgenanntes erwies sich freilich als ein Problem. Nicht unbedingt nennenswert, aber Konny Tauwers Fast-Entsorgung war nicht eingeplant gewesen. Prof. Dr. Konrad Tauwer war ein verheirateter Kollege von Jessica, der sich ab und an ein verschwitztes Stündchen mit ihr gönnte. Sie hatte ihn stets machen lassen, weil ihr nichts eingefallen war, was dagegen gesprochen hätte. Als ihr schließlich was einfiel, war es zu spät gewesen. Die Hand hatte Konny mittendrin beinahe und endgültig die Luft abgedrückt. Konny lag fett und rosafarben auf Jessicas karierter Tagesdecke, sie hockte auf ihm mit geschlossenen Augen, weil er so hübsch nicht war, um ihn dabei anzuschauen, und während er unter ihr gekeucht hatte, musste Dolfi wohl kräftig zugedrückt haben. Grad noch rechtzeitig hatte sie Konny von Dolfis starken Fingern befreien können, und einzig dem schweren Rotwein war es zu verdanken gewesen, dass Konny Tauwer noch bis heute auf die Bibel schwören würde, dass Dr. Jessica Magdalena Stobermann, zu Recht ledig, da geisteskrank, ihn beim harmlosen Beischlaf ohne Plastik und Peitsche hatte erwürgen wollen. Nüchtern betrachtet wäre das auch nicht tragisch gewesen. Tauwer sagte nach jedem seiner sinnlosen Sätze „nich wah?!“ und roch nach Hamsterfutter. Er grinste wie Ferdinand Strümper, Jessicas Grundschullehrer, und dieses Grinsen war grundsätzlich genauso tot wie der schmierige Ferdi, der ihr immer mit der flachen Hand auf den Hintern gehauen hatte, was Lehrer nicht tun sollten, wenn sie von kleinen Mädchen nicht gehasst werden wollen.

Das Kapitel Tauwer war damit erledigt gewesen, er hatte sich in seinen scheußlichen Pepitaanzug geknotet und „Du bist ja gemeingefährlich!“ gebrüllt. Zweifellos nicht unbedingt sie. Das wurde Jessica Stobermann klar, als Dolfi Frank Stewerhoff die Kehle durchschnitt. Auch nicht einkalkuliert. Eine Woche vor Jessicas Besuch in Gottliebs Gutenmorgenkränzchen am alten Markt war sie auf einem Klassentreffen gewesen. Fünfundzwanzig Jahre Abiturjahrgang Schlingsdörfler Döblin-Gymnasium, gemischt. Alle verheiratet oder zweimal geschieden. Fotos von Rotzblagen und Einfamilienhäusern mit Pool und fettem Labrador in der Einfahrt. Jessica kochte vor Wut und erzählte, wie ungern sie den Doktortitel vor ihrem Namen erwähnen würde. Frank Stewerhoff, der Blödeste und Hässlichste von allen, klebte sich an ihre Fersen. Der hatte ihr damals immer den Stuhl unterm Hintern weg gezogen. Und gegrinst. Wie er gegrinst hatte. Und ihr immer wieder zu verstehen gegeben hatte, dass selbst er, blöd und hässlich, wie er war, Jessica Stobermann nicht anpacken würde. War nicht schade drum. Was wollte der besoffene Kerl sie auch partout zu ihrem Hotel begleiten? Legten sich beide kichernd ins Gras hinter der alten Pferdekoppel, fummelten wie verpickelte Teenager, wollten ficken wie ehrenwerte Erwachsene. Ging in die Hose. Ging an die Kehle. Dolfi hatte sich in der moosgrünen Handtasche versteckt, sich ein großes schönes Küchenmesser eingesteckt, es dann Frank Stewerhoff, der Jessica schließlich immer und immer nur verarscht hatte, in den miesen Hals gesteckt und darin herumgerührt, um es dann in einer eleganten Bewegung direkt durch die Kehle zu ziehen. Wie das zischte, sprudelte, was sich da auftat. Und wie wenig traurig Jessca das alles fand, die ihn dort im Gras liegen ließ und ins Hotel taumelte, denn gut getrunken hatte sie ja auch. Wie sie dann dort ihre moosgrüne Tasche wieder aufschnappen ließ und die blutverschmierte Hand halbherzig ausschimpfte. „Dududu, was machst Du denn?“ Eeene meene muh, aus bist Du. Konny Grinsekatz leider nicht, Frank Arschgesicht aber eben doch. Abgestochen? Na, von wem denn? Jessica war selig. Gut gemacht.

Sie knabberte an Dolfis Daumen. Ein Genuss. Wie sie schleckte. Leckte. Wie sie Dolfi zärtlich säuberte und unter die Bettdecke legte, um bei der Hand zu sein, der Süßen, um sie an, auf, in sich zu haben und nochmals zu säubern mit ihrer eigenen Feuchtigkeit. „Dududu, das machst Du nicht noch mal.“

Dochdochdoch. Als der grinsende Kellner mit ihrem Martini auftauchte, fiel ihr ein, dass es gut wäre, wenn der sie nie wieder so angrinsen würde. Dass es gut wäre, wenn er sich mit ihr gemeinsam betrinken würde, um ihn dann „Zumirzudir?“ fragen zu können. Aber sie ließ ihn, verließ Hand in Hand das Gutenmorgenkränzchen, ohne, dass einer sah, wie herzlich wenig allein sie war. Es würde andere geben. Sie kicherte: „Eene meene muh, und aus bist Du.“

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Kurzgeschichten von Karin Reddemann

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Pickel, Brust, Bauch, BH

Karin Reddemann: Jugendsünden

Jugendsünden

© Karin Reddemann

Biggi Klosterkamp, Albis erste richtige Freundin, stand vor Siegfried Suerbaums großartigem Autoscooter und trippelte mit ihren Füßen auf der Stelle. Ungeduldig. Es war lausig kalt, und die pinkfarbenen Lackstiefelchen, so schmuck sie auch aussahen, waren gelinde gesagt was für den Arsch. Dachte Biggi in ihrer direkten Art. Sie war eine wunderbar ehrliche Haut, meist pleite, egal, aber die dünnen, billig gemachten Plastikschuhe hätten ein derbes Loch in ihr Portemonnaie gebrannt. Erfreulicherweise gab es ihren Albi. Albert Kiefernagel war seit gut drei Wochen Biggis neuer Freund, und er hatte ihr diese großartigen pinkfarbenen Stiefel gekauft. Einfach nur so. Erstaunlich einfach. „Willst Du die Dinger? Okay, gebongt.“ Damit hatte er sie mächtig beeindruckt.

Sie liebt ihn. Doch, zweifellos. Sie ist vierzehn, sieht gern deutlich älter aus und ist schwer verliebt. Momentan allerdings nicht so sehr. Sie friert, ihre Zehen sind ganz taub, und innerlich verflucht sie das kurze violette Seidenjäckchen, das sie trägt, obwohl es ihr wirklich wahnsinnig gut steht. Sie ist abgenervt, sie will hier weg. Die Musik, die aus den Boxen dröhnt, ödet sie auch an. Kinderkram, Disco-Shit für Rotznasen. Albi scheint das alles nicht zu interessieren. Er unterhält sich mit Siggi Suerbaum, der seinen fetten Bauch wie eine Trophäe umklammert, während er spricht. Sie lachen. Siggi zeigt unappetitliche Löcher im Gebiss. Albis Zähne sind gelb. Eigentlich widerlich.

Albi winkt Biggi zu und deutet mit der linken Hand, mit der er gleichzeitig sein leeres Tabakpäckchen zerknüllt, auf den schäbigen Wohnwagen hinter der mit grellbunten Farbe bemalten Plane. „Bin gleich wieder da.“ „Hey Mann, was soll das?“ Sie fühlt sich verarscht. Wieso haut der blöde Wichser einfach ab? Albi dreht sich noch einmal kurz um, grinst schief, antwortet aber nicht, geht dann hastig weiter, hinter dem fetten schmierigen Autoscooter-Besitzer her, der für fünf Tage eine Aushilfe braucht. Und Albi braucht Geld.

Biggi sieht das irgendwie schon ein. Aber andererseits auch wieder überhaupt nicht. Wieso ist der plötzlich so scharf auf einen Job? Auf so einen beschissenen Job? Drei Wochen lang hat er Geld gehabt, Wieso jetzt nicht mehr? So war das nicht abgemacht, hat den dicken Dallas wohl nur gespielt. Immer das gleiche Theater, geht’s nicht mal anders?! Biggi denkt an Cordula Puwinski. Blödes Tittenluder. Geht mit ihr in eine Klasse. Die hat’s drauf. Deren Typ fährt Cabrio, die kriegt alles von dem. Ist aber ein wirklich ekliger Kerl. Sieht aus wie Karlsson vom Dach. Der aus der Verfilmung. Astrid Lindgren. Was für ein selten hässlicher fieser Vogel. Biggi grinst innerlich. Dann erinnert sie sich wieder, dass sie hier frierend herumsteht und grundsätzlich sauer ist.

So hat sie sich das nicht vorgestellt. Der Typ hat also allen Ernstes vor, hier fünf Tage lang die Pappnase zu spielen. Und sie, Biggi, guckt in die Röhre. Jeden verfluchten Tag wollte er mit ihr auf die Wellpirschner Kirmes, das hatte er ihr versprochen, jeden Tag gucken und rumstehen und abhängen, die Clique treffen und Bier trinken und rummachen. Was man halt so treibt. Das ganze Programm. Und jetzt will der hier ernsthaft arbeiten. Versaut ihr alles. Fünf volle Tage. Und sie? So lange sind sie ja auch noch nicht zusammen, der soll bloß aufpassen, sie kann auch anders. Spießer. Sackgesicht. Und dann auch noch Autoscooter. Kennt man doch, die Typen. Baggern wie bescheuert.

Irgendwie weiß sie, dass er gar nicht daran denkt, umzukehren und über seinen verflucht blöden Witz zu lachen. Arbeiten? Jetzt? Hier? Ich doch nicht. Er wird nicht grinsen und sagen: „Du müsstest Dein dämliches Gesicht mal sehen. Dachtest Du echt, ich geh‘ da rein? Bin ich denn bekloppt oder was?“ Das wird er nicht, das weiß sie. Da hängt dieses verdammte Schild, Aushilfe bis zum 17. wegen Krankheitsfall gesucht, das wäre doch was für Dich, das hat sie ihm noch gesagt, war doch nicht ernst gemeint, so was, das hat sie ihm dann auch noch gesagt, mehrmals, und er, er geht hinein. Und dann?

Biggi ist ein recht hübsches Mädchen, nicht grad interessant, aber sehr hübsch mit ihrem frechen Kurzhaarschnitt und der dünnen lila Jacke. Sie steckt sich eine Zigarette an und sieht seinem grünen Blouson hinterher. Der Wind bläst die dünne Jacke am Rücken etwas auf, das sieht unfreiwillig komisch aus. Er geht etwas krumm, als würde der Ballon seinen Oberkörper nach vorn drücken wie ein Buckel. Er geht eigentlich immer krumm, das ist eine Unart lang geratener Menschen, die immer lieber etwas kleiner und unauffälliger wären.

Das hat sie mal irgendwo gelesen, dass es diese Großgewachsenen gibt, die nur sehr ungern so groß sind, weil sie automatisch auffallen und sich nicht verstecken können, obwohl sie es gern tun würden. Sie wären am liebsten unsichtbar, zumindest unsichtbarer, denn wer befindet sich schon gern im Mittelpunkt des Interesses, wenn er fortwährend über seinen eigenen schlaksigen Körper stolpert und auf die viel zu lange, viel zu verpickelte Nase fällt. Komisch, aber in diesem Moment denkt sie nur, verdammt, warum geht er nicht aufrecht, Männer müssen aufrecht gehen, Männer sind stolz und stark, Gott, das hatte sie halt so im Kopf.

In ihrer Familie sind alle ziemlich klein, auch ihr Vater. Ihre Mutter hat ihr mal vor einigen Jahren gesagt, sie habe als junges Mädchen immer davon geträumt, einen großen klugen gut aussehenden Mann zu heiraten, der ihr auch was bieten kann. Stattdessen habe sie diesen dicklichen verblödeten Zwerg abbekommen, einen rülpsenden Versager, der nur im Suff zu ertragen ist. Albi säuft nicht, zumindest nicht so, dass es widerlich wird. Blöd ist er auch nicht. Er ist sogar recht schlau. Biggi kann das beurteilen, sie kennt genug Arschlöcher mit großer Schnauze und nichts da oben drin. Er weiß verdammt viel über Politik, das imponiert ihr, weil sie keine Ahnung davon hat. Also muss das stimmen, was er sagt. Sie hört ihm zu und nickt, aber eigentlich langweilt er sie doch damit.

Er mag keine Ausländer. Das ist ein Thema, da wird er richtig aggressiv. So kennt sie ihn sonst gar nicht. Er drückt sich da ziemlich beschissen aus, sie ist ja einiges gewohnt, aber manchmal wird selbst ihr das zuviel. Sie hält sich da lieber raus, ihr Vater redet schließlich genauso. Das ist nicht ihre Angelegenheit. Sie ist schon mit Ausländern gegangen, was soll der ganze Scheiß, sie will ja keinen heiraten. So einen wie Tom Wessels hatte sie auch nicht für immer gewollt, nur solange, bis ein anderer kommt. Obwohl der ihr schon mächtig imponiert hatte. Doppelt so alt wie sie, fast sechsundzwanzig. Er hatte sie immer in seinem Auto mitgenommen, ein schwerer kackbrauner Wagen, den Fahrzeugtyp kannte sie nicht, aber das war ihr auch egal, Hauptsache, die Eltern kriegten das nicht mit. Mit dem hatte sie richtigen Sex gemacht, also die ganze Chose, auch mit dem Mund, aber das gefiel dem Tom nicht, wie sie das machte, trotzdem sie sich wirklich Mühe gegeben hatte. Der schmeckte auch ziemlich übel, sie kannte sich da ja noch nicht so aus, aber da war dieser muffige modrige Geschmack, eigentlich überhaupt nicht richtig definierbar, und sie musste ständig würgen und hatte auch keine große Lust dazu. Er schubste ihren Kopf dann einfach zur Seite, das war in seinem blöden braunen Auto, aber immerhin, er hatte eins. „Stellst Dich mächtig dämlich an, Mädchen.“ Das hatte er zu ihr gesagt, und sie fühlte sich dann auch ziemlich eingeschüchtert und irgendwie auch gekränkt. Er lud sie danach zu einer Pizza und zu einem scheußlich sauren Rotwein ein und sagte noch, sie würde ihr blaues Wunder erleben, wenn sie jemand erzählen würde, dass er mit ihr fickt. Klar, so blöd war sie ja nicht, sie war erst dreizehn, der musste sich schon in die Hose scheißen. Aber sie hielt ihren Mund, warum auch nicht.

Biggi träumt gern davon, etwas ganz Besonderes aus sich zu machen. Später vielleicht mal. Eine besonders schöne Frau in einer besonders chicen Wohnung mit einem besonders tollen Typ, der ein geiles Auto hat und der gut riecht. Sie ist ja erst vierzehn, da sind solche Gedanken noch nicht unbedingt völlig weltfremd. Tatsächlich sind sie es aber jetzt schon, und sie werden es aller Wahrscheinlichkeit auch immer sein. Irgendwie ist ihr das auch klar. Das frustriert, aber nur manchmal. Schule nervt sie, sie hat auch nicht mehr lange, zu lernen fällt ihr schwer, sie schafft’s mit Ach und Krach, wahrscheinlich, und dann wird sie irgend was machen. Irgendwas. Zuhause kann sie sich nicht konzentrieren, alles ist eng und billig. Und immer laut. Sie schreien sich an, Biggi schreit mit, es ist ihr gar nicht bewusst, wie unsympathisch laut sie miteinander umgehen. Wie vulgär, wie hohl sie miteinander sprechen. Wie gewöhnlich sie sind. Doch, das schon. Das weiß sie. Die anderen sind auch nicht besser. Sie sieht wenigstens gut aus.

Früher war sie mal pummelig, die Jungs haben sie Breitarsch und Fettklops genannt. Das sagt jetzt keiner mehr, sie ist eher zu dünn, aber das ist okay so. Sie genießt es, angemacht zu werden, auch von Kerlen, die aus dem Mund stinken und verschwitzte Handflächen haben, die sind halt so.

Albi ist anders. Eigentlich überhaupt nicht ihr Typ, aber eben anders. Sie könnte Bessere haben. Schlechtere auch. Unbedingt gut sieht er wirklich nicht aus. Er ist viel zu dürr und hat keinen Hintern, und seine Haare sind zwar lang, aber er lässt sie einfach nur wachsen. Sie sehen immer fettig aus, und sie baumeln irgendwie hilflos an ihm herunter. Seine Augen haben eigentlich gar keine richtige Farbe, aber sie wirken traurig, und das rührt sie.

Er hat noch nicht einmal ein Auto. Seine Haut ist weiß und durchsichtig, daran hat sie sich mittlerweile gewöhnt. Anfangs hat seine Haut sie erschreckt, sie sah so tot aus. Seine Hände sind zärtlich. Er spricht nicht viel. Sie glaubt nicht, dass er ihr jemals wehtun könnte. Dafür ist er viel zu nett. Und höflich, er ist so verdammt höflich zu ihr, manchmal kotzt sie sein blödes Getue an. Aber es schmeichelt ihr auch. Er würde alles für sie geben. Er würde für sie töten.

Und jetzt? Was passiert jetzt? Sie ist verunsichert. Sie zieht an ihrer Zigarette, sie erinnert sich, dass sie ein neues Päckchen braucht. Er hat das Geld, großartig, sie hat keine Lust auf saublöde Spielchen, sie will was trinken gehen. Er verschwindet hinter der Tür, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Biggi zuckt mit den Schultern, schließt ihre Jacke, stemmt die kalten Fäuste in die Taschen. Dann eben nicht.

Sie wird ihn erst drei Tage später wieder sehen. Er steht am Autoscooter und nickt ihr lässig zu. Unsicher vielleicht auch, kann schon sein, interessiert aber nicht mehr. Eine hässliche Rothaarige mit breiter zugeklatschter Visage lehnt sich an ihn, klebt an ihm. Sieht aber nicht so aus, als würde das Mondgesicht ihm gefallen. Wie auch? Albi macht einen Schritt nach rechts, schüttelt die Rothaarige ab wie ein lästiges Insekt und sieht wieder zu Biggi hinüber. Er wartet. Nervös? Egal. Sie hat längst schon einen anderen. Und Albi widert sie nur noch an.

Albi sieht sie jetzt direkt an, wirkt irritiert. Wieso eigentlich? Selbst schuld. Siegfried Suerbaum schnauzt von der Kasse aus. „Voran, Mann, wirst hier nicht fürs Gaffen bezahlt.“

Noch ein Tag. Albi schüttelt sich, verharrt noch für einen kurzen Moment regungslos, sieht, wie dieser Typ neben Biggi ihr einen Plastikbecher mit Bier hinhält, sieht, wie sie ihn küsst. Wie sie ihn anlacht. Ihm wird flau, er kämpft mit einer Wut, die er nicht gelernt hat, herauszulassen. Bloß nicht aufmucken, sonst setzt’s was.

Siggi kotzt ihn an, behandelt ihn wie Dreck. Der Job ist mies bezahlt. Ein Tag nur noch. Nicht, dass er sich danach sehnte, die Vormittage wieder in der versifften Bruchbude seines versoffenen Stiefvaters abzuhängen. Aber er hätte ihr den Ring gekauft, den sie in der Auslage bewundert hat. Seine große Liebe. Sein Mädchen. Trägt schon wieder die Lackstiefel. Es ist auch wärmer geworden. Er schluckt. Scheußlich, dieser dicke Kloß im Hals. Will raus, kann nicht.

Übermorgen hat er keinen Job mehr. Innerlich grinste er gequält. Typisch. Wie wunderbar, das alles bei vollem Bewusstsein ertragen zu dürfen. Sauf Dir einen, Junge, dann wird’s schon wieder.

Biggi knutscht noch etwas mit ihrem Neuen, dann ist sie weg. Albi hat sie abgehakt, wollte ihn halt noch ein wenig ärgern. Sie ärgert sich auch. Später wird sie drüber lachen. Jugendsünden. Eben.

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Karin Reddemann: James verpasst

James verpasst

© Karin Reddemann

Meine erste Jeans war steif. Zu weit. Zu blau. Zu brav. Meine fortschrittlich denkende Mutter hatte sie im Kaufhaus entdeckt. Meine selbst entdeckte Lust daran, Arsch in der Hose zu zeigen, hatte sie natürlich nicht berücksichtigt. Einen Arsch, verpickelt und blass zwar, aber als Hingucker reif. Ich war zwölf und wollte ein US-Label. „Wieso, die ist doch gut.“ Meine dumme kleine Mutter. Damit konnte sie mich nicht beruhigen, das hatte schon mit Papas grünem Tweedmantel aus hoffnungsvollen Nachkriegsjahren nicht funktioniert. „Der ist doch noch gut.“ Noch. Eine Steigerung, die Alpträume verursacht bei früh entwickelten Jungs, die auf den Highway wollen. Ich zog los und suchte mir Arbeit. Mit der Kötterbächersheimer Kirchenzeitung und Frieda Gottliebs Vorgarten scheffelte ich ein kleines Vermögen, was meinen Eltern nicht behagte, weil ich gefälligst Arzt oder Bundeskanzler oder zumindest Vorarbeiter in einer Maurerkolonie werden sollte. Sie sahen mein Abitur gefährdet, ernsthaft in Sorge um ihr kluges empfindsames Burschi, aber das war mir egal. Ich wollte die Diggerhose, und ich kaufte sie mir. Sehr zum Ärger meiner praktisch denkenden Mutter: „So viel Geld? Junge, spare. Was soll aus Dir werden?“ Und dann, völlig weltfremd, die Gute: „Viel zu eng. Das ist nicht gesund.“ Mein Vater versuchte, mir Angst zu machen. „Die schnürt Dir doch die Eier ab.“ Das war ein Argument. Kurzfristig fühlte ich mich unwohl, wusste ich doch um die Bedeutung. Aber dann dachte ich an Oma Friedelgund. „Onanieren macht blind.“ Stimmte ja nun auch nicht, also, was sollte der Scheiß?

Ich legte mich aufs Bett und beschloss, den Reißverschluss dieser Hose immer und immer wieder zuziehen zu können. Meine lästige Mutter sah das gern und oft, damals traute ich mich noch nicht, ihr das Anklopfen nahe zu legen. „Das tut mir in der Seele weh.“ Mir tat’s auch weh. Vermutlich war es auch wirklich unschön für meine unschuldige Mutter, ihr Burschi da so auf der Bettkante hängen zu sehen, mit hochrotem Kopf am Hosenschlitz wühlend, um alles hinein zu kriegen. Damals hatte ich noch diese Fettpölsterchen, die konnte ich nicht wegstopfen, die hingen eben drüber. Beim Klammerblues hatte ich dann auch Schwierigkeiten. Hinternpacken war, Knutschen sowieso, aber in Hüfthöhe ließ ich keine Berührungen zu. War eben dicklich. Noch. Aber eitel. Mann eben. Spielte dann verbissen Tennis, was ich immer noch nicht kann, um schmalhüftig zu werden. Klappte. Schmiss mich in die nächste Jeans, die aussah nach tausendmal getragen und genauso oft herunter gezerrt für einen richtig guten Fick. War selbst noch nie am Ziel gewesen, träumte aber von so was.

„When I wake up in the morning light … I put on my jeans and I feel all alright …“ Legte mich mit ihr in die Badewanne, bis ich fröstelte, bis die Hose am Körper klebte, föhnte besessen, bis meine Mutter kam. „Junge, was soll denn das?“ Mein Vater grinste, war aber wohl ernsthaft besorgt. „Vaterland, was wird aus Dir?“

„So pull on your jeans and come on out with me.“ Hat so nicht funktioniert. Hatte meine erste Frau mit Löchern. In der Hose. Ausgefranst, wurmstichig und teuer. War zu einem Zeitpunkt, der Pickelcreme nicht mehr nötig gemacht hat. James Dean war tot. Jetzt war ich dran. Sie trug Breitcord und schmeckte nach Christstollen. Eine kleine Göttin mit wenig Busen und heraugewachsener Dauerwelle, zündelte gern Räucherstäbchen, die mit Patschuli nötigten. Und trotzdem.

„In the sun and the wind and the rain. I got money in the pocket, the tiger in my tank. And I’m king of the road again.“ Da war er endlich, der Highway. Erforscht, erkundet dank Urväterchen Levi’s Vorstellung der praktischen Buxe. Und Amen.

War kürzlich bei Mama zum Entrümpeln. Fand meine erste Steife ganz hinten im Schrank, der in meinem alten Jugendzimmer steht. Lindgrün, passend zu meinem Schreibtisch. Grinste. Mama auch. „Die hast Du mal getragen, Junge.“ Hatte ich nicht! Sah immer noch aus wie unbefleckt. Nahm sie hoch. „I put on my jeans and I feel alright.“ Ich lächelte. Mama seufzte. „Diese schrecklichen Hosen danach. Diese unschönen Löcher.“ Hab ich gehabt. Nur eins nicht.

„Pull on your jeans. You and me we’ll go motorbike riding.“ Wäre auch nicht schlecht gewesen. „… so pull on your jeans and come on out with me.“ Verpasst.

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Karin Reddemann: Freunde

Freunde

© Karin Reddemann

Kenne die beiden schon lange. Liegen unter Steinplatten und kommen manchmal raus. Das dürften sie vermutlich nicht, aber ich bin da nicht so streng. Freue mich über Besuch, auch nachts, wenn ich grundsätzlich schlafen sollte. Hätte vermutlich gesündere Träume ohne sie. Habe sie auf dem alten Friedhof am Lichttor kennen gelernt. Kunibert und Elisabeth von Tretzow. Sie eine geborene Strahlka. Sympathisches Paar. Riecht leicht. Mag aber Moder, rümpfe die Nase nicht so schnell. Meine Stadt hat vier davon. Tore. Wilhelmstor. Schatztor. Viehtor. Mein Lichttor, wo die alten Gräber sind. Merkwürdig, habe mir nie Gedanken darüber gemacht. Sind vermutlich Souvenirs aus dem Mittelalter. Irgendwo am Wilhelmstor, wo jetzt die Feuerwache ist, direkt vor dem Amtsgericht, wurden die Hexen verbrannt. Das weiß ich von Großvater Ebsche, der hat’s mir erzählt, als sei er dabei gewesen. „Die haben hier gern gefackelt.“ Habe später mal im Archiv gestöbert. 147 Frauen, 33 Männer. Einige wenige darunter, deren Familien Geld genug hatten, um die Henker zu bestechen. Die wurden heimlich erwürgt, bevor das Feuer sie fraß. Anständig, so was. Den Frauen wurden wohl oft gern erst die Knochen gebrochen, bevor die Wächter sich in sie steckten. Haben das so konkret nicht mitbekommen, denke ich mal, waren ja bereits fasttot. Die letzte, die auf dem Scheiterhaufen landete, war Agnes Sophie Gellert, 1706, Giftmischerin. Erst mit dem Schwert sauber durchtrennt, dann verbrannt. Besser so. Als Zaubersche anständig verurteilt nach blutigem Kitzel, der sie vermutlich mürbe gemacht hatte, wurde auch Else von Tretzow, die Großmutter von Agnes. Bestand die lästige Wasserprobe nicht. Ihr Strick wurde zu kurz gehalten, pfiffig gedacht, hätte gar nicht untergehen können. Elses Bruder, Barthold von Tretzow, war zu der Zeit Bürgermeister. Hatte wohl keine Lust, Schwesterchen weiterhin lieb zu haben. Heiratete Trine, Pitters in Sypens Tochter, die ihm Arnold und Gertrud überließ, bevor Dorothea in ihrem Bauch den Sensenmann für Mutter und Tochter holte. Heiratete pünktlich noch mal, Noele zur Boie, aber die war ihm wohl nicht geheuer. Ließ ihre Daumen quetschen, ließ sie schnüren und strecken, entlohnte aber den Henker freundlich, der ihr den Hals zudrückte. Heiratete ein drittes Mal, Mechelt, Wilhelm Cordts Witwe, deren Großmutter Katharina die Branntweinprobe nicht bekommen war. Glückliche Käthe. Brauchte den Wärtern nicht den zertrümmerten Hintern entgegen halten, musste nicht ins Feuer sehen. Auch Mechelt entkam den Flammen. Barthold schätzte ihre aufmüpfige Art nicht, das hat mir Kunibert verraten. Der Gute. Steht nachts an meinem Bett und umarmt seine Betti. Flüstert mir zu, wie das Wilhelmstor schreit, kann keine Ruhe finden, die Steinplatten lassen das tote alte Weinen durch. Sie weinen alle. Die Maybaum, Heinrich Breradts Frau. Die Rittbroiksche, die Stippel, Drostens Schwiegertochter Enneken. Die Schwestern Figge und Drude Homesch, die alte Tellsche, Stine in der Siepen, Strocklings Mutter. Lyse, die Haensesche. Und Mechelts Schwester Jutta Polte, die Barthold sich wohl nicht hat verkneifen können. Jutta vögelte mit dem Teufel in Tiergestalt und verkaufte Hexensalben. Gott verleugnete sie bereits nach der dritten Folter, das freute Barthold, weil’s flott ging. Er zahlte kein Geld für das Hexenweib, sollte sie brennen, Schwert und Strick ersparte er sich. Mechelt heulte. Sie heult wohl immer noch, irgendwo da draußen. Kunibert und Betti können sie hören. Wenn ich mich anstrenge, kann ich es vielleicht auch. Gehe frühmorgens an der Gruft meiner Freunde vorbei und bringe zwei Rosen. Atme die Erde und warte auf die Nacht.

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Karin Reddemann: Würmer

Würmer

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Trug meinen Pepitarock. Liebte ihn. Der Hund hatte mein Kaninchen zerfetzt, ich dachte, das ist jetzt wohl irgendwo. Fragte Opa Ebsche, der alles wusste. „Was ist mit Jojo?“ Großvater Eberhard „Oben“ tätschelte seinen neuen Tuschekasten, wollte wohl schleunigst in die Dachkammer an seine Staffelei, zuckte mit den Schultern. Ich war sein lästiger Liebling. „Der kommt in die Pfanne.“ Ich war ein ernstes kleines Mädchen und nickte. Wollte vor ihm nicht heulen und blätterte weiter im Familienalbum. Starrte in fremde Gesichter aus fremder Zeit. Großmutter Änne „Oben“ schepperte in der Küche mit den Töpfen. Opa Ebsche klappte den Kasten zu, röchelte, inhalierte, zupfte an meiner Haarschleife. „Die kennst Du nicht. Alle verbuddelt. Würmerfraß.“ So war er, der Gute. Konnte es gar nicht abwarten, seinem Engel den Tod zu erklären. Die Würmer haben sich in mir festgebissen. Sehe, wie sie an mir knabbern. Weiß noch, dass ich mir ernsthafte Sorgen um meinen karierten Schönen machte. „Fressen die alles?“ Opa Ebsche zupfte wieder, hustete, stopfte sich das komische Ding in den Mund und saugte. Durchatmen, kannte ich. Wartete. „Alles. Dich komplett. Deinen Rock auch.“ Der Liebe. Brauchte ihn gar nicht zu fragen, sein Kopf war schneller als meiner. Oma „Oben“ keifte. „Was erzählst Du da schon wieder?“ Kapierte ihr Gezetere nicht, hätte gern mehr gehört. Trotz der Angst, die wiederkehrt. Galt im Anna-Kindergarten als Problemfall. Marschierte lieber am Fenster auf und ab, wollte nicht in die Puppenecke, hasste den Eierlauf beim Sommerfest. Malte später selbst. Dunkel, düster. Die Kunstlehrerin war irritiert, zitierte Mama zu sich. „Irgendwie gut. Aber krank.“ Achim Fortmann, der Deutsch mit viel Sinn verpackte, zeigte sich beeindruckt. Las meine Klausuren und zerrte mich zum Schulpsychologen. Konnte ihn nicht leiden, verkaufte mich gesund und klug. Irre Einserkandidatin, ich. Legte geschickt die schwarze Pelle ab und wurde strahlend. Bin schön und selbstbewusst für draußen und denke an die Würmer. Ziehe mir die Bettdecke über den Kopf, sehe mich im Pepitarock und höre sie fressen.

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Karin Reddemann: Manche Männer

Manche Männer

© Karin Reddemann

Oliver liebte es, sich auszupacken. Ungefragt und lästig. Ungewollt von mir. „Ist der nicht schön?“ Ich bat ihn streng, sein lausiges Ding wieder wegzustecken, aber der Mann hing verbissen daran. Er küsste ungern, da war ihm zu viel Nikotin in mir. Aus dem Urlaub brachte ich Honig und Herpes mit, er war beleidigt, weil er beides nicht mochte. Ich behielt es für mich und arbeitete an Mike. Der küsste ständig, nass und weich. Ich paddelte in einem Meer, das mir nicht gehörte, und dachte an gekochten Tintenfisch. Er schmeckte nicht nach süßem Salz, wie ein Mann eben schmecken sollte, aber ich gab mir Mühe. Sah mir mit ihm gemeinsam finnische Filme an, die große Lust auf Selbstmord oder wenigstens Psychiatrie machen. Ertrug seine zwanzig Hände auf mir, schüttelte dann aber die Hälfte ab. Danach den Rest, gemeinsam mit Rilke, seinem besten Freund im Geiste. Um den tut’s mir leid, aber ich muss würgen, wenn ich an ihn denke.

Reinhard hatte eine Kletterwand im Schlafzimmer und turnte dort wie Spiderman, während ich gähnte. Er klebte mitten in der Nacht in seiner Unterhose irgendwo im Zimmer. Manchmal auch ohne, das war noch gruseliger. Er freute sich deibelig, wenn ich endlich wach wurde. Seine Chance. „Jetzt guck doch mal.“ Mein Hirn sah Jeff Goldblum in Fliegenfigur und weigerte sich, noch länger hinzustarren. Er kicherte beim letzten Mohikaner, das nahm ich ihm übel, weil Day-Lewis nicht zum Lachen ist. Ich beschloss, eher so was haben zu wollen wie Daniel und ließ Reinhard allein weiter krabbeln. Juanjo, der einen blöden Nachnamen hatte, aber fast so schön war, wie ich es für gut und richtig befand, enttäuschte mich sehr. Das appetitliche Halbblut, eine Kreuzung aus Heinz-Dieter Schimmelpfennig und Maria-Dolores Mentosa-Martez, hätte nicht sprechen lernen dürfen. Einmal gelernt, nie vergessen. Er gönnte sich keine Pause, voller Panik wohl, er könnte auf ewig verstummen, würde er länger als zehn Sekunden schweigen. Ich gewöhnte mir ein plumpes „Jaja“ an, das in „Ach ja?!“ gipfelte und kaute mir mental expressionistische Lyrik vor, während er den Sinn seiner Worte suchte und vielleicht auch irgendwo fand. Keine Ahnung. Ich ließ mich nicht entmutigen und entdeckte Alfonso. Der hatte einen gelben Ferrari und liebte es, den Frauen in Düsseldorf zu sagen: „Fick Dich selbst.“ So ungehobelt sprach er mit törichten Blondinen, die mal mitfahren wollten. Bin selbst eher dunkel und wirke clever, mir warf er nur vor, seinen Namen zu spanisch auszusprechen. Mehr traute er sich nicht. Italiener achten auf ihr weiches S, ich ignorierte das absichtlich, um den Süden in ihm zu wecken. Fing mir nur kalte Beute ein, egal. Zog dann direkt in den kühlen Norden und nahm mir was Großes mit roten Haaren und Sommersprossen auf einer Haut, die schon bei Herdwärme vor Schmerzen winselt. Mal was anderes. Jochen war klug und lächelte. Immer. Er lächelte wie ein kleiner Thai, der sein hochgezogenen Mundwinkel auch dann nicht verliert, wenn sein Hund überfahren wird. Es reizte mich, ihn kräftig zu schubsen oder ihm eine zu knallen, damit er keinen Grund mehr sieht, zu grinsen. Aber es bot sich keine vernünftige Gelegenheit, also kniff ich mich selbst vor Wut in den Oberschenkel, während wir im Restaurant saßen und lächelten und aßen und lächelten und tranken und lächelten. Noch schlimmer war seine Stimme. Er sprach wie mein Therapeut J.-H. Wellnitz, zu dem ich erst nicht gehen wollte, weil er keinen Doktortitel hat. Da steckt meist Faulheit hinter, meine ich. J.-H. strengt sich allerdings mächtig an, ich kann ihm nur leider nicht wirklich zuhören, weil er diese Stimme hat, die mich aggressiv macht. Würde ihm gern die Nase umdrehen, kurz mal fest vor das Schienbein treten, lasse es aber, sonst lande ich vielleicht woanders. Bei Jochen war ich weniger vorsichtig. Diese Art, wie er mit der Zunge so affig leise auf seinen Worten herumtänzelte, brachte mich dazu, sehr böse zu werden. Wir hockten bei schwerem Rotwein, den Aschenbecher hatte er mir wie immer nicht hingestellt, um mir lächelnd zu verraten, wie unartig er Raucher findet. Der Wein war gut schwer, deshalb sagte ich: „Wie Du sprichst, Jock, davon wird mir ganz übel. Und jetzt hol‘ den verdammten Ascher.“ Insgeheim waren wir in diesem Moment kein glückliches Paar mehr. Als er sich dann einen monströsen Sonnenbrand in Husum eingefangen hatte und ich mich weigerte, um vier Uhr morgens die Notapotheke aufzusuchen, war’s endgültig vorbei. Sind nicht meine Gene, die verantwortlich für rote Haare und Sommersprossen sind. Ich beschloss, keinen empfindlichen Nachwuchs mit ihm haben zu wollen, und wurde wieder dunkler. Sergio war schwer behaart und wollte gekrault werden wie der hinterhältige Köter von Emma und Josef Krause, die bei uns um die Ecke wohnen. Kurz gestreichelt, Blick riskiert, zugeschnappt. Wirklich bellen konnte er nicht, er kläffte sich nur heiser. Ich nahm ihm das Halsband ab und schenkte ihm die Freiheit. Jetzt jagt er junge Hunde.

Ilhan war auch einer. Ein junger Hund, prinzipiell männlich, der mir sein wahres Alter verschwieg. Ein Welpe mit Starallüren. Kam natürlich rasch dahinter, Frauen riechen dumme Lügen. Schickte ihn umgehend in sein Körbchen zurück, zumal er eh die Veranlagung hatte, dick zu werden. Außerdem war er zu klein und reizte mich, ihm auf den Kopf zu spucken. Er traf sich gern mit seinen Jungs, um sich laut und trunken in die Türkei zu träumen. Gerücht, dass die nicht saufen. Konzentrierte mich wieder auf was Helles, wollte in blaue Augen sehen. Traf Paul, der von Simone sprach. Zu oft. Zu immernochverliebt. Zu blöd. Aß trotzdem mit ihm Tofu und trank seinen grünen Tee, mochte beides nicht, wollte ihn aber patzig gern haben. Er liebte politisches Kabarett schwersten Kalibers, da hörte ich hin wie ein Zweitklässler, dem Einstein Wiegelieder vorsingt. Meine Lider versagten. Meine Toleranz wohl auch. Tauschte ihn umgehend um und aus gegen Marcel, diesmal kein Akademiker, sondern erfrischend heiter als Koch. Servierte mir Paella, die ich beschwingt lobte, bis ich die Plastiktüte in der Mülltonne fand. Tiefkühlkost. Erklärte ihn für leicht verlogen, war fortan auch misstrauisch seiner Schlammbowle gegenüber, drückte aber noch mal ein Auge zu, weil er komisch war. Nur nicht im Bett. Er kam mir irgendwie kastriert vor, das beunruhigte mich. Mein skurriler Koch schob’s auf den Wodka, den er sich gönnte nach seinen fragwürdigen Bratereien und Bruzzeleien in Heinos Leckerstübchen. Wurde skeptisch, dann auch sauer, weil er meinen Hund vom Sofa jagte. Alte Gewohnheiten soll man nicht brutal zerstören, zumal, wenn die Angebetete eh‘ schon nörgelt. Verließ ihn endgültig, nachdem er mir Geld geklaut hatte, um seine Eltern irgendwo in Sachsen zu besuchen. Ausgerechnet. Schwor mir, den Osten zu meiden, lernte dann aber Richie kennen. Irgendwie ging es mit mir bergab. Richie war tätowiert und langhaarig, einer von der Sorte, die Mama nicht mag. Ich wollte aber trotzig und lebensnah sein, gehörte schließlich nicht zu den Zicken, die von Kant sprechen, wenn sie Gucci meinen. Richie trank warmes Bier und schwor mir, nicht auf Männer zu stehen, aber er guckte. Guckte nach Kerlen wie Sergio und Juanjo und Alfonso, bei denen ich kurzfristig wegsah, hatte ja meine Erfahrungen. Ließ alles Östliche endgültig ruhen und liebte fortan Jimmy. Der hieß eigentlich Walter und war ansatzweise braun. Psychologe. Ich bewegte mich wieder auf sicherem Pflaster. Er wollte mit mir die unerträgliche Leichtigkeit des Seins genießen, das gefiel mir. Bis er mich immer wieder so küsste, wie ich es nicht mag. Und quasselte, wie ich es auch nicht mag. Näselnd. Als würde er die Worte riechen. Er lachte wie ein Affe, den man am Popo kratzt. Und sein Hintern gefiel mir auch nicht. Also suchte ich mir einen guten. Markus. Der war entsetzt, als mein Hund ihn von hinten nehmen wollte, aber Rüden versuchen so was, wenn sie nackte Ärsche sehen. Markus spielte exzessiv Squash, das ist dieser Sport, der mich nach fünf Minuten tötet und generell ausgesprochen unattraktiv macht. Um weiterhin schön und lebendig zu bleiben, strengte ich mich für Johannes an. Zu lieb. Ich fand Gregorio. Zu hübsch. Zu doof. Ich versuchte mich an Gerd. Lieber kein Kommentar. Jetzt sitze ich hier mit Thorsten, bewundere seine Baseball-Kappen-Sammlung und höre zu, wie er die Dialoge aus „Krieg der Sterne“ mitspricht. Ich trinke französischen Weißwein, habe wieder keinen Aschenbecher und esse Käse mit Pfefferkörnern, die ich nicht mag. Und irgendwie hoffe ich immer noch.

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Kurzgeschichten von Karin Reddemann

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Karin Reddemann: Flachmann

Flachmann

© Karin Reddemann

„Schätz‘ mal die Zahl der Flachmänner in den Handtaschen.“ Cool Big Benny strahlte. War in seinem Element. Bernhard von Kneussow, der sich als Leadsänger der legendären „Bluebluesband“ diesen Beinamen zu Recht verdient hatte, starrte grinsend in die Runde, nippte an seinem französischen Mineralwasser, zog an der französischen Filterlosen, sagte: „C’est la vie, Kumpel.“ Mehr konnte er nicht. Nicht mehr. Natürlich nicht seine Schuld. Hatte seinen langhaarigen kackbraunen Lehrer prinzipiell nicht gemocht, der ständig krank war und noch braungebrannter wieder am gemischten Hölderlin-Gymnasium anmarschierte, um schleunigst wieder krank zu werden. Der Typ hatte die Revolution in ihm geweckt. Unterricht bei einem näselnden Übriggebliebenen, der den Mädels über die Haare fuhr und Pfefferminz kaute, um den gefährlichen Geschmack der Nacht unverdächtig zu machen, schrie nach Verweigerung. Nach einem Jahr mit zweihundert Lücken strich Benny den schönen Jean Kolkewitz, der grundsätzlich Erwin hieß, aus seinem Stundenplan. Wählte Niederländisch und würgte, wenn er vorlesen musste. Eine Sprache, die nach Brechreiz brüllte. Keine Spur geeignet, um verbal zu beglücken. Französisch, klar, das wär’s gewesen. Damit macht man Frauen nass. Heute sah Benny die Sache mit dem schönen Jean anders. Fast beneidenswert, diese geschickte Lebenseinstellung. Flog zwar von der Schule, lachte sich aber vermutlich heute noch eins ins gegrillte Fäustchen. Irgendwo an der Riviera, wo er krank in der Sonne lag und Pernod kippte und Yvette das Haupt verstrubbelte. Ohne Pfefferminz. Ohne weitere Hemmungen. Seine flinken Finger wandern ließ für Feuchtes und Steifes, das Cool Big Benny mittlerweile genauso lieb und teuer war. Lediglich den Pernod und sonstiges Gute verkniff er sich zur Zeit, offiziell freiwillig, musste sein, sonst hätte Viktor von Kneussow ihm sein lustiges Leben versaut. „Junge, Du machst jetzt was dagegen, sonst wird’s verflucht dünn für Dich.“ Der dicke Patriarch hatte gesprochen. Moralist, alter. Soff doch selbst. Von wegen gepflegter. Da gab es keinen verdammten Unterschied zwischen angestaubtem Weinbrand aus dem Keller und Jägermeister von der Tanke. Kickte beides. Wäre ja noch schöner. Guter Cop. Böser Cop. Feiner Alkoholiker. Penner. Cool Big Benny erklärte sich trotzdem für therapiebereit. Grinste immer noch über seine Show. Brav gemacht, er war wieder dabei.

Hätte das nicht machen müssen, Müssen müssen andere. Aber wenn Vater im Schlamm wühlt, wühlst Du halt mit. Aus Gefälligkeit. Er hat die Kohle. Die verfluchte Macht in der Tremor-geplagten Faust, um Deine Kehle zu umklammern. Dir das Wasser ab zu sperren. Und Mutter heult. Sieht Dich mit ihren roten hässlichen Augen an und schreit nach ihrem Baby. Um zusätzlichen Honig auf die senilen Seelen zu geben, sprach Benny zugeknöpft und blass von Therapiefähigkeit. Wort der Hoffnung. Mental wie eine Zitrone zerquetscht. Die war selbstverständlich nicht vorhanden, sollten die doch andere zuquatschen, er brauchte kein Talent, um Müll fressen zu können. Da hörte der Spaß auf, da ging die gesunde Blockade los. Er war hier deplatziert, er war besser als Manni Kerkmann mit seinen verbundenen Handgelenken. Kann nicht mehr, jaja. Besser als diese Anwältin, Freda Busch oder so, Name vergessen, war zu fett und zu weiß, die Zündkerzen in der Robe hatte und über ihren fingerfertigen Onkel heulte. Allemal besser als Lisa Feyka, die morgens kotzte und schluckte und wieder kotzte und schluckte. Hinterhofbude, kein Schulabschluss, drei namenlose Bälger am Hals, alles klar. Hörte sich trotzdem die Psychokacke an, wollte schließlich weiter mit in Papas Liga spielen. Plauderte lieb über üblen Umgang und neurotische Eltern mit Erfolgszwang im Nacken, mit dem sie ihn bissen. Ganz der Geschmack der Sensiblen. Er war Profi. Säuselte leise von seinem Medizinstudium, das imponierte, wusste er. Stand vor dem dritten Examen, so was erzeugt Ehrfurcht. War den Laberköppen ohne Kittel, den Kittel trugen die mit Absicht nicht, um nahe zu sein, haushoch überlegen. Sprach von Susanne Klosterhoff, die an Leukämie gestorben war. Tat so, als hätte sie ihm das Ruder aus der Hand gerissen. Kannte die graue Tante gar nicht wirklich, war ihm egal. Hauptsache, überzeugen. Tragisch wirken. Bekümmert. Einsichtig. Es kotzte ihn an, aber er mischte lautstark mit. Trank den lauwarmen Tee, der nach Blüten schmeckte, die nicht gegessen werden wollen. Lauschte er griffen kitschigen Klaviersonaten, zu denen Schwester Sonja, die Fettärschige, ihren Senf abgab. Schloss die Augen und träumte, wenn er es sollte, dachte an Svenja Gutlieb und hätte sich auf der Plastikmatte gern einen runtergeholt. Stattdessen sprach er von Goethes Gartenhaus und freute sich über den stummen Applaus. Hörte ergriffen zu, als Saskia Mortens, mit dicken Klunkern behangen, die dünnen Lippen knallrot geschminkt, die wenigen Wimpern eingetunkt in Schwarz, von den Flachmännern erzählte. Die in den Handtaschen der chicen Frauen, die auf dem Clo verschwinden, bevor es Zeit wird, elegant am Champagner zu nippen. Fragte sich, wo die Männer ihr Elexier verstecken. Flachmann statt Hasenpfote. Er grinste wieder, sah sich um in der aufgemotzten Meute, nickte seinem Vater mit seinem Franzosenwasser zu, dachte an später, sah Johnny Schwarz aufmunternd an. „Na, wie viele Flachmänner in den Krokodilledertäschchen?“

Johnny, sein alter Bandkollege, war irritiert. Die Stimme der Blueblues hatte sich verändert. War härter, zynischer. Er dachte an ihren letzten großen Auftritt in der Schmiede in Gogginghausen. Cool Big Benny in schwarzer Lederhose, blonde lange Locken, mit dem Mikro in der Hand, das er um seinen Leib kreisen ließ wie einen Vibrator, der gleich, jetzt, endgültig zum Einsatz kommen sollte. Zwischendurch Wodka pur. Die Mädels kreischten. Benny heulte „Komm‘ in mich, asoziale Schlampe“, das hatte Stefan “ Sweet Stuffi“ Friedsheffner, der Drummer, getextet. Waren jetzt alle auseinander geflogen, mussten alle irgendwo irgendwas studieren, sogar Conny Bauer, die Saxophonistin, die geil und blöd war. Machte einen auf Philosophin. Kant hätte erst gekotzt und sie dann von hinten genommen. Dachte Johnny und starrte Benny an. Mediziner. Der. Kippte sich auf diesem lausigen Polizeiball mit Nullpromille voll, um Smokingpapa zu imponieren. Kannte er schon. Und vorher. Nachher. „Wo hast Du Deinen, Doc?“ Benny grinste. „Bin trocken, Mann!“

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Kurzgeschichten von Karin Reddemann

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Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Flachmann, Gymnasium, Revolution, Goethe, Kant

Karin Reddemann: Wasserbomben

Wasserbomben

© Karin Reddemann

Wasserbomben bestimmten lange Zeit mein Leben. Ich hatte die Lust entdeckt, prall gefüllte Luftballons auf Mädchen zu schmeißen, die fett und hässlich sein durften. Hauptsache, sie trugen Bikinioberteile. Ich wusste, darunter müssen Brüste stecken, weiche runde Bälle mit dunkelbraunen Spitzen auf Rosa, die dick werden, wenn man sie einfach nur anstarrt oder kalt macht oder sie reibt oder an ihnen lutscht, alles Sachen, die nur in meinem Kopf stattfanden, denn damals traute ich mich noch nicht, genau hinzusehen. Aber so ganz im Verborgenen hatte ich es natürlich auf die Bälle mit den Spitzen abgesehen, von denen ich zumindest nass träumen durfte. Das genügte vorläufig. In meinem Kopf stöhnten sie unter meinen Fingern und meinen Lippen, und ich bäumte mich auf, um ihren Schweiß lecken zu können. Im Bollinger Strandbad in der Nähe von Rillershausen, zu dem wir radelten, um Mädchen zu gucken, war ich nicht der beste Werfer. Aber ich war schnell und geil und träumte auch tagsüber gut, das war’s wohl. Manchmal warf ich die Wasserbomben auf ihre noch platten Ärsche, während sie bäuchlings auf ihren Handtüchern lagen, verfehlte mein Ziel und traf die von der Sonne erhitzten Rücken. Die Mädchen kreischten, und wir waren glücklich. Wir waren natürlich mit den nackten weichen Bäuchen deutlich zufriedener, weil die so herrlich nah bei den Brüsten waren, aber die Mädchen drehten sich meist um, wenn sie uns witterten und brüllten uns an, bloß zu verschwinden. Ich glaube aber nicht, dass sie wirklich in Ruhe gelassen werden wollten, weil wir alle schon zwölf waren und unentwegt ans Knutschen dachten. Das klappte beim Döppen. Erst Arschbombe, Untertauchen, Ranrudern, an den strampelnden Beinen ziehen, Kopf unter Wasser drücken, wieder hochkommen lassen, kurz miteinander rangeln, sich beschimpfen lassen, loslachen, weil wir ja viel stärker waren, wieder von hinten umfassen, runterdrücken, hochziehen. Wir wollten sie ja nicht absaufen lassen, nur mal anpacken. Und Zungen schmecken, die Schokoeis mit Erdbeeren versprachen. Tatsächlich züngelten wir unter Wasser, sah ja keiner, teilten unsere Kaugummis, leckten an Lippen, die wir an der Oberfläche niemals hätten kosten wollen. Wir, das waren Jens Holz, der auch damals schon im Geschäft war, dann Uwe Brüding, den wir alle nicht leiden konnte, aber er hatte immer genug Taschengeld dabei, um uns saure Gummizungen und fettige Pommes zu kaufen. Üble Pommes mit ranziger Majonnaise und viel zu süßem Ketchup, aber im Freibad schmeckt das Schlimmste göttlich gut. Meine Mutter gab mir hartgekochte Eier, Käsebrote und wässrigen Orangensaft in spitzen Dreieckstüten mit, aber Benni Schlüter, unser Vierter und Bester, hatte billiges Dosenbier in seinem Rucksack. Von seinem Vater geklaut, der die ganze Vorratskammer damit zugestopft hatte und wohl so gar nichts mehr merkte. Die leeren Dosen füllten wir mit Eiswasser aus den Duschen und schütteten es über den Mädchen aus. Und freuten uns wie die Mafia, wenn sie in Todesangst kreischten, immer in der Hoffnung, dass solch ein Bikinioberteil mal zufällig verrutschte, abrutschte, es uns wie eine Trophäe in die Hände fallen würde, um es dann mit dem Gebrüll eines Kriegers im Bund der Badehose verschwinden zu lassen. Das klappte nie, aber wir hofften immerhin drei Jahre, bis wir beschlossen, endlich Männer zu werden und uns die Dinger entweder freiwillig geben zu lassen oder eben gar nicht. Diese Wasserbomben, gefüllte Luftballons, später dann Kondome, die Jens Holz besorgte, der sich traute, zum Automaten zu gehen, wobei ich definitiv gestorben wäre, hätte man es von mir verlangt, prägten meine versauten Gedanken, waren harmlos, brachten mich aber dazu, mir Sorgen um meine ganz ungezogene Phantasie zu machen. Ich befürchtete, böse zu enden, dachte an die Couch, unter der ich mich entdeckt hatte, an Isabella, diese Lust aus Stein, an meine Wollhandschuhe in Brockmanns Scheune, die im Nass einer blutjungen Schlampe gewühlt hatten, sah mich immer und immer wieder auf Roswithas Bild spritzen und kam mir manchmal ziemlich krank vor. Nicht immer. Insgeheim fühlte ich mich den Jungs haushoch überlegen, konnte mir nicht vorstellen, dass Jens Holz und Uwe Brüding es wagten, in ihren Hosen zu forschen, wie ich es tat. Rückblickend waren meine Wasserbomben Auslöser für meine ehrlich steifen Schwänze in aller Öffentlichkeit. Die ich abquetschte, indem ich mich bäuchlings auf die verbrannte Liegewiese warf und unauffällig hin her robbte, um sie unbedeutend klein zu machen. Ich stellte mir Simone Wessinghage vor, die bei solchen Gelegenheiten ihre Hand unter meinen Bauch schieben würde, um mir dann, wie zufällig passiert, in den Bund meiner Badehose zu fassen, ihn recht kräftig zu fassen, um ihren Finger in meine weiße Milch zu tunken, um sie anschließend abzulecken. Mir gefiel auch die Vorstellung, dass sie ihr orange geblümtes Oberteil verlieren würde, wenn wir auf der karierten Wolldecke ihrer Mutter herumhangelten und uns gegenseitig auskitzelten. Da kann so was schon mal passieren, ich rechnete immer ganz fest damit, aber das Ding saß, und viel hätte ich eh nicht zu gesehen. Ihre Brüste waren noch sehr klein, aber ich dachte an meine Großmutter: „Mehr als eine Handvoll ist Verschwendung, Junge.“ Sehr viel später lernte ich auch die Vorzüge entzückend praller Titten kennen, zwischen denen ein Mann ohne Wasserkopf problosem eintauchen kann. Angenehme Abwechslung, trotzdem blieb meine Vorliebe für praktisches Denken erhalten. Habe auch recht große Hände.

Zweieinhalb Jahre später wanderten sie zum ersten Mal unter Simones Pullover. Sie war pummelig geworden, ihr langes Haar war auch nicht mehr da, und sie roch nach Patschuli, wovon mir übel wird, außerdem hatte sie, glaube ich ihre Tage. Amon, Bennos frisch kastrierter Köter, konnte es nicht lassen, im Partykeller mitzumischen, fraß Unmengen an Chips und Chilli und muss von irgendeinem Psycho Tequila in einem fast sauberen Aschenbecher spendiert bekommen haben. Der Hund rülpste unentwegt, es ging ihm wohl nicht so gut, was ihn aber nicht davon abhielt, permanent zwischen Simones Beinen herumzuschnüffeln. „Der riecht da Feines“, grinste Benno, währen Simone ihn immer wieder streng und wohl auch leicht pikiert wegschubste. Ich bildete mir dann irgendwann ein, auch was zu wittern. Ließ aber meine Hände, wo sie waren, ihre Nippel waren fest und hart, und ich wünschte mir, mal kurz auf dem Clo mit ihr verschwinden zu können. Traute mich aber nicht, sie zu fragen, denn dann hätte ich wohl auch fragen müssen, ob sie denn nun tatsächlich ihre Periode hatte. Das hätte mir die Lust versaut, so weit war ich noch nicht. Stattdessen dachte ich an das Bollinger Strandbad, während Rod Stewart in unseren Lenden segelte. Simone presste sich an mich, mir gefielen ihre Ohrringe nicht, und ihr Pullover war gelb und übergroß, hing fast bis zu den Knien, und in ihren Mundwinkeln waren Chipskrümel, die wie kleine Popel aussahen. Mir war nicht gut, ich küsste sie nicht, wollte nicht reinkotzen in sie. Stellte mir aber vor, über ihre Brüste Eiswasser zu schütten. Drückte sie fester an mich und leckte über ihre Augenbrauen. Küsste sie dann doch, vergaß den scheußlichen Wollpullover und ertastete das Gute darin. Mehr war nicht. Habe sie neulich gesichtet, mit schreiendem Kind und Plastiktüten. Noch fetter. Grüßte knapp und dachte an den heißen Sand bei Rillershausen. Würde gern mal wieder Wasserbomben schmeißen. Aber nicht auf sie. Bin wählerischer geworden. Mein Hoseninhalt auch. Lassen wir das jetzt. Vorerst.

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Kurzgeschichten von Karin Reddemann

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Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Wasserbomben, Schlampe, Brüste, Strandbad, Mädchen, Arschbombe

Karin Reddemann: Der Liebesbrief

Der Liebesbrief

© Karin Reddemann

Zärtlich geschmeckter Johnny,

habe gern von Deiner Seele gefressen. Deinen Urin zu kosten war göttlich, soll ja heilen. Und als Du Dich in meinem Mund so prickelnd direkt entleert hast, dachte ich an Casablanca. Der Beginn unserer wunderbaren Freundschaft ist bereits an unseren ersten Hitzewallungen erstickt, ich weiß. Hätten wir sie doch in der Sauna genossen und nicht auf der Bahnhofstoilette. Spüre Deine Zunge in mir, an mir, frage mich jetzt, ob sie belegt war, unappetitlich grün überzogen gar. Vielleicht. Habe ich nicht bemerkt. Du hattest Rotes und Gelbes in den Zähnen, irgendwo dazwischen, aber ich habe mitgekaut, ohne nachzudenken. Unbedingt gern gerochen habe ich Dich nicht. Dein Schwanz schmeckte nach abgestandenem Grapefruitsaft, mein Guter, ich musste öfter würgen, als es würdevoll gewesen wäre. Egal. Dein Atem war schlimmer. Als hätte jemand in Dich rein gekotzt, der Übles gegessen hatte. Gekochte Leber. Oder rohen Hering. Weiß nicht, strenge mich an, Dir Gutes zu sagen. Will jetzt nicht philosophisch werden, weiß, das magst Du nicht. Hältst mich für geistig einfach strukturiert, hast Du mir gesagt, als ich an Deinen Ohrläppchen knabberte. Du hast da Haare, klebrig grau, die gehören da nicht hin, wollte ich Dir schon immer sagen, trau mich jetzt, weil ich französischen Rotwein trinke und gut deutsch sauer bin. Trotzdem. Ich liebte Dich. Dein Bauch ist so weich und weiß, irgendwie zu dick, meinst Du nicht?! Kannst Du eigentlich noch ordentlich Deine Eier sehen? War sehr angetan von Dir und Nietzsche, hast ja ständig mit dem telefoniert. Labertasche, der. Und Hemingway, Dein alter Freund. Wäre schön gewesen, den mal kennen zu lernen. Interessiere mich ja nicht unbedingt für Fische, aber Du nanntest ihn Ernest, hat mich beeindruckt. Deine Zehennägel müssten mal geschnitten werden, und Deine Beine sind zu kurz. Habe im Traum nachgemessen, Deine blieben immer unter der Bettdecke, meine nicht, wieso eigentlich? Ich liebte es, Dich röcheln zu hören. Manchmal habe ich meine Finger in Deine Nasenlöcher gesteckt, dann hast Du aufgehört, zu schnarchen. Aber ich hatte Angst, Du würdest ersticken, so ganz ohne Nase. Braucht man, oder? Habe mich aufgepolstert für Dich, Du schwörst ja auf fette Bälle, habe mich runter gehungert, sehe jetzt irgendwie Scheiße aus. Zu viel Scheiße für Dich, nehme ich an. Hast gegähnt, wenn ich klug wurde.

Liebte Dich, liebe Dich noch, und fick Dich selbst
Corinna

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Kurzgeschichten von Karin Reddemann

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Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Liebesbrief, Hemingway, Nietzsche, Casablanca